
Ian Matthews • Journeys From Gospel Oak
(Mooncrest Records CREST18, August 1974)
Das Album "Journeys From Gospel Oak" von Ian Matthews war noch im selben Jahr, als sich der ehemalige Musiker von Fairport Convention mit seiner neuen Band namens Plainsong zurückmeldete, eingespielt worden, sogar weitgehend mit denselben Musikern. Plainsong entpuppte sich als nicht sonderlich vielversprechend in kommerzieller Hinsicht, weshalb sich Ian Matthews schon kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Konzeptalbums "In Search Of Amelia Earhart" wieder seiner Solokarriere zuwandte, die er zuvor mit zwei Alben für das Vertigo Swirl Label begonnen hatte. Der Musiker war in dieser Zeit zwischen 1971 und 1974 enorm kreativ und spielte die unterschiedlichsten Alben sein, von denen das 72er Werk "Journeys From Gospel Oak" sein wohl romantischstes, mit Sicherheit aber bislang am meisten von der amerikanischen Countrymusik beeinflusste Werk war. Dies machte sich vor allem in den für das Album ausgewählten Fremdkompositionen bemerkbar, beispielsweise im von Ex-Byrds Gene Clark geschriebenen "Polly", oder in "Things You Gave Me" und "Tribute To Hank Williams", beides Titel aus dem Repertoire von Tim Hardin, "Mobile Blue" aus der Feder von Mickey Newbury und "Met Her On A Plane" vom legendären amerikanischen Songwriter Jimmy Webb. Ausserdem berücksichtigte Matthews die Nummer "Bride 1945" von Paul Siebel, ein wundervolles und nur angenehm zurückhaltend instrumentiertes Lied, das sehr fluffig klang, sowie das sehr bekannte Countrystück "Sing Me Back Home" des US-amerikanischen Country-Superstars Merle Haggard. Aus der Feder von Ian Matthews stammten hier lediglich zwei Songs, nämlich "Franklin Avenue" und das erste Stück der Platte mit dem Titel "Knowing The Game", das sehr jenen Songs ähnelte, die Matthews auch auf dem Plainsong Album präsentierte. Das Album "Journeys From Gospel Oak" erschien jedoch erst über ein Jahr später, als Ian Matthews nur noch eine Vertragsbedingung einhielt, und die Platte nachschob, obwohl er bereits beim nächsten Plattenlabel unter Vertrag stand.
"Journeys From Gospel Oak" ist ganz besonders unter Vertigo Swirl Plattensammlern ein ganz spezielles Objekt, denn Ian Matthews nahm es noch auf, während seiner Zeit, als er beim Vertigo Label unter Vertrag stand. Die beiden Alben zuvor, welche das Swirl Logo zierten - "If You Saw 'Thro My Eyes" (1971) und "Tigers Will Survive" (1972) entpuppten sich leider beide als kommerzielle Misserfolge, weshalb das Label sein vertraglich zugesichertes drittes Album (das hier besprochene "Journeys From Gospel Oak") nicht mehr veröffentlichen wollte. Ob das Werk jedoch überhaupt mit dem Swirl Logo erschienen wäre, bleibt Spekulation, da die Aufnahmen dazu erst im November 1972 abgeschlossen waren, und Vertigo bereits ab Frühjahr 1973 das legendäre Swirl Label durch das neue UFO-Label ersetzte. Fehlende, respektive nicht verwendete Katalognummern bei Vertigo Swirl lassen auch vermuten, dass dieses Schicksal auch einige weitere Acts und deren Alben ereilte. Prominenteste Beispiele hierfür sind zum Beispiel das Album "Orexis Of Death" von Necromandus (welches Ende 1972 hätte erscheinen sollen), oder auch die beiden Jade Warrior Alben "Eclipse" und "Fifth Element", welche zunächst als einzelne Veröffentlichungen geplant waren, danach als mögliches Doppelalbum mit der Katalognummer 6360 086 jedoch erneut verworfen wurden. Doch zurück zu Ian Matthews.
Der Musiker Ian MacDonald wuchs in Scunthorpe in der englischen Grafschaft Lincolnshire auf, wo er bei den lokalen Bands The Classics und The Rebels seine ersten Erfahrungen als Musiker sammelte. Später zog er nach London, um sich 1966 der Surfband Pyramid anzuschliessen, die er jedoch bald wieder verliess. Nachdem Ashley Hutchings auf ihn aufmerksam geworden war, wurde er Mitte 1967 Mitglied von Fairport Convention und änderte nach Veröffentlichung des ersten Albums seinen bürgerlichen Nachnamen von MacDonald zu Matthews, um Verwechslungen mit dem King Crimson-Musiker Ian MacDonald zu vermeiden. Ian Matthews hiess mit bürgerlichem Namen eigentlich Iain Matthew MacDonald und erblickte am 16. Juni 1946 in der Grafschaft Lincolnshire das Licht der Welt. Doch auch bei Fairport Convention hielt es den Sänger und Gitarristen nicht lange. Während der Aufnahmen zum Fairport Convention Album "Unhalfbricking" im Frühjahr 1969 kehrte er der Band den Rücken. Noch im selben Jahr versammelte Matthews die Band Matthews Southern Comfort um sich, deren erste Single "Colorado Springs Eternal" im November 1969 veröffentlicht wurde. Die LP "Matthews Southern Comfort" erschien dann im Januar 1970. Musiker der Band waren Gordon Huntley (Pedal Steel-Gitarre), Carl Barnwell (Gitarre und Gesang), Mark Griffiths (Gitarre), Andy Leigh (Bass) und Ray Duffy (Schlagzeug). Matthews Southern Comfort nahmen im Jahre 1970 noch zwei weitere Alben auf: "Second Spring" und "Later That Same Year". Ausserdem brachte die Band am 31. Oktober 1970 eine Coverversion von Joni Mitchell's Song "Woodstock" auf Platz 1 der britischen Singles Charts. Trotz der Popularität der Band trennte sich Matthews im November des Jahres auch von dieser Band, indem er während eines Auftrittes kurzerhand die Bühne verliess. Die Band machte als Southern Comfort weiter und veröffentlichte in den Jahren 1971 und 1972 ohne Ian Matthews drei weitere Alben ("Frog City", "Southern Comfort" und "Stir Don't Shake").
Ebenfalls 1971 und 1972 erschienen zwei weitere Soloalben von Matthews auf Mercury Records: "If You Saw Thro' My Eyes" und "Tigers Will Survive". Anfang 1972 gründete er die Folkband Plainsong. Allerdings verpflichtete der Vertrag mit Mercury Records Matthews zur Aufnahme eines weiteren Soloalbums. So wurde innerhalb von nur fünf Tagen "Journeys From Gospel Oak" aufgenommen. Danach setzte sich Matthews mit Plainsong für Elektra Records ins Studio und nahm "In Search of Amelia Earhart" auf. Nur wenig später trennte sich Matthews auch von Plainsong wieder, da sich Elektra weigerte, das Folgealbum zu veröffentlichen. Matthews zog daraufhin nach Kalifornien und konnte Michael Nesmith als Produzenten für seine zwei nächsten Solowerke gewinnen. Die 1973er Produktion "Valley Hi" und "Some Days You Eat The Bear, Some Days The Bear Eats You" von 1974 erschienen beide auf Elektra Records, verkauften sich aber so schlecht, dass das Label Matthews fallen liess. Seinen nächsten Vertrag, als Folge dessen die sehr am amerikanischen Westcoast-Sound orientierten Alben "Go For Broke" (1976) und "Hit And Run" (1977) auf den Markt kamen, konnte er dann bei Columbia Records unterzeichnen. Doch auch dieser Vertrag hielt nicht lange, und Matthews startete eine Zusammenarbeit mit Produzent Sandy Roberton. 1978 erschien "Stealin’ Home" auf Roberton's eigenem Plattenlabel Rockburgh Records. Das Album wurde ein Erfolg und enthielt Matthews’ grössten Single Hit in den USA, "Shake It". Der Titel erreichte den respektablen Platz 13 in den Charts. Die Folge-Alben "Siamese Friends" von 1979 und "Spot Of Interference" von 1980 waren jedoch wieder so grosse Misserfolge, sodass Rockburgh Records schliesslich pleite ging.
Mit den letzten beiden Alben für Rockburgh Records kamen indes zwei Alben auf den Markt, die auch inhaltlich den Musiker Matthews enttäuscht gehabt haben, denn anders liesse sich sein folgendes Bandprojekt nicht erklären, das musikalisch auf einer ganz anderen Schiene lief. Zusammen mit dem Sänger David Surkamp von Pavlov's Dog gründete Ian Matthews die leider nur kurzlebige Gruppe Hi-Fi, deren Fokus auf zeittypischem, von der New Wave inspirierten Rock gelegt war. Die Band war richtig klasse und es ist sehr schade, dass das Projekt mangels Erfolg so schnell das Zeitliche segnete, dass davon nur eine Mini-LP und ein einziges reguläres Album ("Moods For Mallards") herausschaute.
In den Achziger und Neunziger Jahren brachte Ian Matthews enorm viele Platten heraus, und nicht alle waren super, aber immerhin folgten nun alle seine Scheiben einem bestimmten Stil, was wiederum Beständigkeit (und keineswegs je Langeweile) bedeutete. Heute ist meiner Meinung nach eine Ian Matthews Platte (oder Iain wie er sich inzwischen aufgrund seiner irischen Wurzeln nennt) wenn nicht einen Kauf, so doch immerhin einen Hörtest wert. Denn eine richtig schlechte Platte hat er nie gemacht. Neueren Datums und äusserst empfehlenswert finde ich "Excerpts From Swine Lake", "A Tiniest Wham" und "Skeleton Keys". Wer sich den alten Klassikern widmen will, kommt aber an "Valley Hi", den vorgenannten Alben "Journeys From Gospel Oak" und "Some Days You Eat The Bear, Some Days The Bear Eats You" nicht vorbei. Von den beiden auf Vertigo Swirl veröffentlichten Platten "If You Saw Thro' My Eyes" und "Tigers Will Survive" ist ersteres gesamtheitlich betrachtet wohl eher empfehlenswert, da die "Tigers" Platte zumindest einige mittelmässige Songs enthält, die nicht restlos zu überzeugen vermögen.
Die meiner Meinung nach interessantesten und lohnenswertesten Alben von Ian/Iain Matthews sind aus meiner Sicht neben "Journeys From Gospel Oak" also auf jeden Fall seine Werke aus der Zeit zwischen 1971 und 1976 ("If You Saw Thro' My Eyes" (1971), "Some Days You Eat The Bear And Some Days The Bear Eats You" (1974), "Valley Hi" (1974) und "Go For Broke" (1976). Daneben unbedingt empfehlenswert sind auch Band-Projekte, in welche Ian Matthews involviert war, wie zum Beispiel Plainsong, Hi-Fi (mit David Surkamp von Pavlov's Dog), Matthews Southern Comfort (mit dem Remake des Songs "Woodstock" von Joni Mitchell) und das erste Fairport Convention Album. Ganz persönlich gefällt mir die "Journeys From Gospel Oak" am besten. Sie vereint einige hochkarätige amerikanische Country- und Country-Folk Songs, die das Muster des Hobos, also des rastlosen Trampers illustrieren. Konzeptionell wunderschön, in der Ausführung absolut authentisch und mit einer erlesenen Auswahl hochkarätiger Musiker absolut zeitlos eingespielt, hat die Platte bis heute auch klanglich ohne jegliche Patina überdauert.