[REVIEW] Yes - Going For The One (1977)

- - - - BaROCK trifft moderne Klang-Architektur - - - - -

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BRAIN
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[REVIEW] Yes - Going For The One (1977)

Beitrag von BRAIN »

- - - - - - - - BaROCK trifft moderne Klang-Architektur - - - - - - - -
Jon Anderson: vocals, harp
Steve Howe: steel guitar, acoustic and electric guitars, vachalia, pedal steel guitar, vocals
Chris Squire: bass, vocals
Rick Wakeman: keyboards, Polymoog Synthesizer, church organ
Alan White: drums, percussion, tuned percussion

Additional personnel:
Ars Laeta of Lausanne – Chor auf "Awaken"
Richard Williams Singers – Chor auf "Awaken"

Produktion:
John Timperley – recording engineer
David Richards – assistant recording engineer
Sean Davis – disc cutting
Paul Van Der Sonckheyd – disc cutting
George Hardie – graphics
Alex Grob – inner spread photography
Jaques Straessle – inner spread photography
Hipgnosis – sleeve design, photography
Roger Dean – Yes logo design
Brian Lane – executive producer

Studio: Mountain Studios, Montreux, Schweiz
Atlantic Records
Veröffentlichung: 7. Juli 1977
Alle Tracks wurden arrangiert and produziert von Jon Anderson, Steve Howe, Chris Squire, Alan White und Rick Wakeman
Aufgenommen: Mountain Studios, Montreux, Schweiz

Bild

1. Going for the One [Anderson] (5:30)
2. Turn of the Century [Anderson/Howe/White] (7:58)
3. Parallels [Squire] (5:52)
4. Wonderous Stories [Anderson] (3:45)
5. Awaken [Anderson/Howe] (15:38)


Das Artwork zum achten Yes-Album lässt erahnen, dass die Band einen symbolträchtigen Einschnitt in ihrer Musikarchitektur vollzogen hat.
Zum ersten Mal seit Fragile verzichten YES auf die Cover-Künste von Roger Dean und beauftragen Hipgnosis.
Wie die Century Plaza Towers in Los Angeles wird Going for the One durch klare Linien, geometrisch definierte Höhen und monumentaler Form geprägt.

Nach dem 74er Höhepunkt „Relayer“ und den Aufnahmen zu „Going for the One“ gab es 3 bedeutende Ereignisse für YES.

1. Patrick Moraz verließ die Band und Rick Wakeman schloss sich erneut der Gruppe an, in die er nie wieder zurückkommen wollte.
2. Alle YES-Musiker hatten sich mit Solo-Alben eine eigene Existenz und einen kreativen Ausgleich geschaffen.
3. Die Ankunft der Sex Pistols löste ein neues Rock-Zeitalter aus.

Plötzlich waren YES nicht mehr die neue Sensation, sondern in die Jahre gekommene Altrocker.
Nach dem Triumph der „1976 Solo Albums Tour“ traf sich die Band im September 1976 im Steuerexil Schweiz, in Montreux am Genfer See.
Der Verlauf der Sessions war für Patrick Moraz musikalisch unbefriedigend und auch die Band nabelte sich von ihm ab.
Eine bittere Erfahrung für Patrick, denn er hatte viele Ideen beigesteuert.
Brain Lane der YES Manager, der gleichzeitig Manager von Rick Wakeman war, stellte den Kontakt her.
Zunächst sollte Rick als Sessionmusiker mitarbeiten, war aber schnell "Feuer und Flamme" für die neuen Songs.
Kurz: Moraz war draußen, Wakeman drin.

Der Zeitgeist hatte auch bei YES Veränderungen bewirkt.
Zunehmend setzten sich die Kräfte der Kommerzialisierung durch.
Es entwickelten sich die Fronten zwischen der Punkbewegung und saturierten Rockgöttern.
Der Anspruch, aufwendige Musikwerke zu komponieren, konnte nicht widersprüchlicher der gesellschaftlichen Situation der Punks sein.
Die Punks sprachen und waren eins mit ihrem Publikum, während die etablierten Acts allenfalls zu ihren Verehrern herabsprachen.

Rick Wakeman verzichtet auf den Einsatz von Mellotron und Hammond-Orgel.
Der Polymoog Synthesizer hält Einzug und drückt der YES Musik einen neuen Soundstempel auf.
Parallels und Awaken nahm Rick auf der Kirchenorgel in der Kirche von Vevey (St. Martin) auf.
Dafür wurde er via Telefonleitung mit dem Studio verbunden und die Stücke live im Studio eingespielt.

Die Texte bekamen zunehmend Erzählcharakter, man wollte nichts mehr entschlüsseln sondern klare Botschaften.

1. Going for the One [Anderson] (5:30)

Das Stück ist bereits 1974/75 entstanden und unterscheidet sich durch das rasende Tempo und die eingängige 5-Minuten-Struktur wesentlich von den YESSongs der letzten Jahre.
Der einzige YES-Track den Howe ausschließlich auf der Pedal-Steel-Gitarre spielt, wird von einer Rock’n’Roll Haltung geprägt.
Rick fügt ein hämmerndes Honky Tonk-Piano hinzu.
Im Text geht es um sportliche Wettkämpfe und wie beim durchlaufen einer Zielschnur endet der Track in einem hymnischen Chorgesang.
GftO ist der schnellste YES-Song überhaupt und ein wahnsinns Albumopener.

2. Turn of the Century [Anderson/Howe/White] (7:58)

Der Text von Turn of the Century bezieht sich auf den antiken Pygmalion mythos und die Oper La Bohème.
Der Gesang zieht einen in seinen Bann, ist sehr visuell und die Wörter erschaffen Szenen von figurativen Skulpturen.
Ein Paradebeispiel, wie YES es schaffen, musikalisch, Bilder zu malen.
Alan White hat großen Anteil an der Entstehung von Turn of the Century und viele Ideen beigetragen.
Gitarenklänge wie kristallklare Gebirgsbäche führen durch die komplexe Komposition, die sich dynamisch ständig steigert.
Live wurde das Stück selten aufgeführt, da es ohne Rhytmusstrukur sehr schwierig zu spielen war.
Einer dieser heiligen YES-Momente!

3. Parallels [Squire] (5:52)

Chris Squire hatte diesen Song von den Arbeiten zu seinem Solo-Album „Fish out of Water“ übrig.
Das tragende Element ist hier die Kirchenorgel die dem Stück eine barocke Stimmung verleiht.
Erst durch die Bassline von Chris und der aufbrausenden Gitarre von Steve wird ein YES Song daraus.
Steve setzt hier untypischerweise eine Stratocaster ein, die er klar und strahlend spielt.
Der Unisono Gesang von Anderson/Squire zählt für mich zu den gelungensten Gesangsbeiträgen die sie gemeinsam bestreiten.
Mit dem finalen Gitarren-Solo wird ein YES-typisches Instrumentalfeuerwerk abgebrannt.

4. Wonderous Stories [Anderson] (3:45)

Wonderous Stories ist der kompakteste Song seit Long Distance Runaround.
Jon Anderson zeigt sich hier, von seiner Seite, als Singer/Songwriter.
Steve entfacht mit seiner Vachalia , die wir von Your Move kennen, Folkintensität.
Polymoog Synthesizer heißt ein neues Instrument aus der Moog-Schmiede, das Rick hier zum niederknien in Szene setzt.
Nach Rick's Solo beginnt der schönste Harmony-Gesangsteil aller Zeiten.
Farben leuchten, Synth-Streicher schwelgen.
Bei vielen Progfreunden ist Wonderous Stories aufgrund seiner Eingängikeit nicht so beliebt.

5. Awaken [Anderson/Howe] (15:38)

Mit Awaken schufen YES, möglicherweise, ihren besten Longtrack, zumindest was Steigerung und Spannungsaufbau der Komposition betrifft.
Die kosmischen Lyrics stellen einen Höhepunkt im Yesschen Schaffen dar.
Andersons Gesang erstrahlt in Tonlagen, die es eigentlich gar nicht gibt (zumindest nicht auf dieser Welt!)
Kein anderer Rocksong nahm je eine ähnliche spirituelle Gestalt an.
Die Songarchitekten waren Jon und Steve gemeinsam, dennoch muß man hier eine besondere Gemeinschaftsleistung der ganzen Band würdigen.
Auch Patrick Moraz sollte erwähnt werden, den man nach seinem Ausstieg fallen ließ.
Rick rollt einen samtigen Keyboardteppich für Jons Stimme aus -dem Himmel ziemlich nah-.
Howes Gitarrenlinien klingen östlich-indisch was wohl auch zum Arbeitstitel ‘Eastern Numbers’ führte.
In rasantem Tempo überrollen und überschlagen sich Gitarrenlinien, Soli auf der Pfeifenorgel und komplizierte Rhytmusmuster.
Bei Minute 7 beginnt ein Improvisationsteil der in meditativer Ruhe Pfeifenorgel, Harfe und Perkussion korrespondieren lässt.
Ausufernd, voller Spielerei und abgedrehter Rhythmik steigert sich das Stück zur akustischen Himmelfahrt in den ProgOlymp.
Zum Finale blitzen Steelguitar und Orgel wie Streiflichter auf.
Der Sound zieht unendliche, sphärische, glühende Spiralen.
Ein Traum, der nie enden will. Halleluja!

Abgesehen vom Longtrack „Awaken“ gibt es auf GftO keine langen Instrumentalstrecken mehr.
Die Hinwendung zu kompakten Stücken wie Going for the One, Parallels und Wonderous Stories kommt dem allgemeinen Trend in der Rockmusik entgegen.
Das Album ist wesentlich zugänglicher als seine Vorgänger und gerade das macht GftO so beliebt.

Bis heute gilt es Vielen (darunter Yes-Sänger Jon Anderson) als gelungenstes Yes-Stück.
Going for the One (Atlantic K 50379) erreichte Platz 1 in den englischen Charts und Platz 8 in den USA.
Wonderous Stories etablierte sich in den Singlecharts und lief oft im Radio.

Moraz erhielt für seine musikalischen Beiträge zu Going for the One kein Geld.
Das führte zu einigen rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen ihm und der Band.
So geht etwa die Akkordfolge am Beginn von Awaken allein auf Moraz zurück.
Deshalb findet man den Part -ganz ähnlich gespielt- auf dem Track "Time for a Change" auf seinem Soloalbum Out in the Sun (1977).
Die Aufnahmen zogen sich über 6 Monate in Montreux hin.
Mehr als 1 Mio. $ hat die Produktion verschlungen aber es hat sich gelohnt!
Kirchenorgel-Rocker

Auch wenn der Sound einer Kirchenorgel elektronisch simuliert werden kann
ist die sakrale Stimmung einer echten Kirchen-Pfeifenorgel, nicht zu erreichen.
Rick Wright war der erste Rockmusiker, der sich 1969 an die Royal Festival Hall Organ wagte.
Keith Emerson nahm 1970 Teile für 'The Three Fates' dort auf,
was auf dem ELP-Debutalbum veröffentlicht wurde.
Rick Wakeman konnte es kaum erwarten ihrer Idee zu folgen und spielte 1972
den „I get up I get down“-Part in der St. Giles, Cripplegate Church –London- ein.
Für die Aufnahmen von Awaken und Parallels wählte Rick die Saint Martins Kirche
in Vevey ca. 15 Autominuten vom Studio entfernt.
Mit einer Telefonleitung war Rick von der Orgel mit dem Studio verbunden.
Die einzelnen Passagen wurden in Echtzeit mit der Band im Studio aufgenommen.
Jon Anderson war auch in der Kirche dabei und hat Rick mit seiner Harfe begleitet.
Ausschnitte von diesen Sessions sind unter dem Titel Vevey Part 1 & 2 zu hören.
MAKE PROG NOT WAR ! ---> ---> My 2024 Album Faves
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nixe
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Re: [REVIEW] Yes - Going For The One (1977)

Beitrag von nixe »

Yes!
Awaken & Turn of the Century sind doch sowas von herrlich! :prayer:
Obwohl ich bei dem GesangsStil von Turn of the Century echt AnfangsSchwierigkeiten hatte!
Als die expandet Version rauskam, also Turn of the Century mit normalen Gesang, gefiel mir diese Version garnicht. So kann*s auch gehen!
Tschüß
nixe

Musik hat die Fähigkeit uns geistig, körperlich & emotional zu beeinflussen!

!!!I like Prog!!!

!!!Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten!!!
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Lavender
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Re: [REVIEW] Yes - Going For The One (1977)

Beitrag von Lavender »

BRAIN hat geschrieben: Di 2. Mai 2023, 20:37
- - - - - - - - BaROCK trifft moderne Klang-Architektur - - - - - - - -
Jon Anderson: vocals, harp
Steve Howe: steel guitar, acoustic and electric guitars, vachalia, pedal steel guitar, vocals
Chris Squire: bass, vocals
Rick Wakeman: keyboards, Polymoog Synthesizer, church organ
Alan White: drums, percussion, tuned percussion

Additional personnel:
Ars Laeta of Lausanne – Chor auf "Awaken"
Richard Williams Singers – Chor auf "Awaken"

Produktion:
John Timperley – recording engineer
David Richards – assistant recording engineer
Sean Davis – disc cutting
Paul Van Der Sonckheyd – disc cutting
George Hardie – graphics
Alex Grob – inner spread photography
Jaques Straessle – inner spread photography
Hipgnosis – sleeve design, photography
Roger Dean – Yes logo design
Brian Lane – executive producer

Studio: Mountain Studios, Montreux, Schweiz
Atlantic Records
Veröffentlichung: 7. Juli 1977
Alle Tracks wurden arrangiert and produziert von Jon Anderson, Steve Howe, Chris Squire, Alan White und Rick Wakeman
Aufgenommen: Mountain Studios, Montreux, Schweiz

Bild

1. Going for the One [Anderson] (5:30)
2. Turn of the Century [Anderson/Howe/White] (7:58)
3. Parallels [Squire] (5:52)
4. Wonderous Stories [Anderson] (3:45)
5. Awaken [Anderson/Howe] (15:38)


Das Artwork zum achten Yes-Album lässt erahnen, dass die Band einen symbolträchtigen Einschnitt in ihrer Musikarchitektur vollzogen hat.
Zum ersten Mal seit Fragile verzichten YES auf die Cover-Künste von Roger Dean und beauftragen Hipgnosis.
Wie die Century Plaza Towers in Los Angeles wird Going for the One durch klare Linien, geometrisch definierte Höhen und monumentaler Form geprägt.

Nach dem 74er Höhepunkt „Relayer“ und den Aufnahmen zu „Going for the One“ gab es 3 bedeutende Ereignisse für YES.

1. Patrick Moraz verließ die Band und Rick Wakeman schloss sich erneut der Gruppe an, in die er nie wieder zurückkommen wollte.
2. Alle YES-Musiker hatten sich mit Solo-Alben eine eigene Existenz und einen kreativen Ausgleich geschaffen.
3. Die Ankunft der Sex Pistols löste ein neues Rock-Zeitalter aus.

Plötzlich waren YES nicht mehr die neue Sensation, sondern in die Jahre gekommene Altrocker.
Nach dem Triumph der „1976 Solo Albums Tour“ traf sich die Band im September 1976 im Steuerexil Schweiz, in Montreux am Genfer See.
Der Verlauf der Sessions war für Patrick Moraz musikalisch unbefriedigend und auch die Band nabelte sich von ihm ab.
Eine bittere Erfahrung für Patrick, denn er hatte viele Ideen beigesteuert.
Brain Lane der YES Manager, der gleichzeitig Manager von Rick Wakeman war, stellte den Kontakt her.
Zunächst sollte Rick als Sessionmusiker mitarbeiten, war aber schnell "Feuer und Flamme" für die neuen Songs.
Kurz: Moraz war draußen, Wakeman drin.

Der Zeitgeist hatte auch bei YES Veränderungen bewirkt.
Zunehmend setzten sich die Kräfte der Kommerzialisierung durch.
Es entwickelten sich die Fronten zwischen der Punkbewegung und saturierten Rockgöttern.
Der Anspruch, aufwendige Musikwerke zu komponieren, konnte nicht widersprüchlicher der gesellschaftlichen Situation der Punks sein.
Die Punks sprachen und waren eins mit ihrem Publikum, während die etablierten Acts allenfalls zu ihren Verehrern herabsprachen.

Rick Wakeman verzichtet auf den Einsatz von Mellotron und Hammond-Orgel.
Der Polymoog Synthesizer hält Einzug und drückt der YES Musik einen neuen Soundstempel auf.
Parallels und Awaken nahm Rick auf der Kirchenorgel in der Kirche von Vevey (St. Martin) auf.
Dafür wurde er via Telefonleitung mit dem Studio verbunden und die Stücke live im Studio eingespielt.

Die Texte bekamen zunehmend Erzählcharakter, man wollte nichts mehr entschlüsseln sondern klare Botschaften.

1. Going for the One [Anderson] (5:30)

Das Stück ist bereits 1974/75 entstanden und unterscheidet sich durch das rasende Tempo und die eingängige 5-Minuten-Struktur wesentlich von den YESSongs der letzten Jahre.
Der einzige YES-Track den Howe ausschließlich auf der Pedal-Steel-Gitarre spielt, wird von einer Rock’n’Roll Haltung geprägt.
Rick fügt ein hämmerndes Honky Tonk-Piano hinzu.
Im Text geht es um sportliche Wettkämpfe und wie beim durchlaufen einer Zielschnur endet der Track in einem hymnischen Chorgesang.
GftO ist der schnellste YES-Song überhaupt und ein wahnsinns Albumopener.

2. Turn of the Century [Anderson/Howe/White] (7:58)

Der Text von Turn of the Century bezieht sich auf den antiken Pygmalion mythos und die Oper La Bohème.
Der Gesang zieht einen in seinen Bann, ist sehr visuell und die Wörter erschaffen Szenen von figurativen Skulpturen.
Ein Paradebeispiel, wie YES es schaffen, musikalisch, Bilder zu malen.
Alan White hat großen Anteil an der Entstehung von Turn of the Century und viele Ideen beigetragen.
Gitarenklänge wie kristallklare Gebirgsbäche führen durch die komplexe Komposition, die sich dynamisch ständig steigert.
Live wurde das Stück selten aufgeführt, da es ohne Rhytmusstrukur sehr schwierig zu spielen war.
Einer dieser heiligen YES-Momente!

3. Parallels [Squire] (5:52)

Chris Squire hatte diesen Song von den Arbeiten zu seinem Solo-Album „Fish out of Water“ übrig.
Das tragende Element ist hier die Kirchenorgel die dem Stück eine barocke Stimmung verleiht.
Erst durch die Bassline von Chris und der aufbrausenden Gitarre von Steve wird ein YES Song daraus.
Steve setzt hier untypischerweise eine Stratocaster ein, die er klar und strahlend spielt.
Der Unisono Gesang von Anderson/Squire zählt für mich zu den gelungensten Gesangsbeiträgen die sie gemeinsam bestreiten.
Mit dem finalen Gitarren-Solo wird ein YES-typisches Instrumentalfeuerwerk abgebrannt.

4. Wonderous Stories [Anderson] (3:45)

Wonderous Stories ist der kompakteste Song seit Long Distance Runaround.
Jon Anderson zeigt sich hier, von seiner Seite, als Singer/Songwriter.
Steve entfacht mit seiner Vachalia , die wir von Your Move kennen, Folkintensität.
Polymoog Synthesizer heißt ein neues Instrument aus der Moog-Schmiede, das Rick hier zum niederknien in Szene setzt.
Nach Rick's Solo beginnt der schönste Harmony-Gesangsteil aller Zeiten.
Farben leuchten, Synth-Streicher schwelgen.
Bei vielen Progfreunden ist Wonderous Stories aufgrund seiner Eingängikeit nicht so beliebt.

5. Awaken [Anderson/Howe] (15:38)

Mit Awaken schufen YES, möglicherweise, ihren besten Longtrack, zumindest was Steigerung und Spannungsaufbau der Komposition betrifft.
Die kosmischen Lyrics stellen einen Höhepunkt im Yesschen Schaffen dar.
Andersons Gesang erstrahlt in Tonlagen, die es eigentlich gar nicht gibt (zumindest nicht auf dieser Welt!)
Kein anderer Rocksong nahm je eine ähnliche spirituelle Gestalt an.
Die Songarchitekten waren Jon und Steve gemeinsam, dennoch muß man hier eine besondere Gemeinschaftsleistung der ganzen Band würdigen.
Auch Patrick Moraz sollte erwähnt werden, den man nach seinem Ausstieg fallen ließ.
Rick rollt einen samtigen Keyboardteppich für Jons Stimme aus -dem Himmel ziemlich nah-.
Howes Gitarrenlinien klingen östlich-indisch was wohl auch zum Arbeitstitel ‘Eastern Numbers’ führte.
In rasantem Tempo überrollen und überschlagen sich Gitarrenlinien, Soli auf der Pfeifenorgel und komplizierte Rhytmusmuster.
Bei Minute 7 beginnt ein Improvisationsteil der in meditativer Ruhe Pfeifenorgel, Harfe und Perkussion korrespondieren lässt.
Ausufernd, voller Spielerei und abgedrehter Rhythmik steigert sich das Stück zur akustischen Himmelfahrt in den ProgOlymp.
Zum Finale blitzen Steelguitar und Orgel wie Streiflichter auf.
Der Sound zieht unendliche, sphärische, glühende Spiralen.
Ein Traum, der nie enden will. Halleluja!

Abgesehen vom Longtrack „Awaken“ gibt es auf GftO keine langen Instrumentalstrecken mehr.
Die Hinwendung zu kompakten Stücken wie Going for the One, Parallels und Wonderous Stories kommt dem allgemeinen Trend in der Rockmusik entgegen.
Das Album ist wesentlich zugänglicher als seine Vorgänger und gerade das macht GftO so beliebt.

Bis heute gilt es Vielen (darunter Yes-Sänger Jon Anderson) als gelungenstes Yes-Stück.
Going for the One (Atlantic K 50379) erreichte Platz 1 in den englischen Charts und Platz 8 in den USA.
Wonderous Stories etablierte sich in den Singlecharts und lief oft im Radio.

Moraz erhielt für seine musikalischen Beiträge zu Going for the One kein Geld.
Das führte zu einigen rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen ihm und der Band.
So geht etwa die Akkordfolge am Beginn von Awaken allein auf Moraz zurück.
Deshalb findet man den Part -ganz ähnlich gespielt- auf dem Track "Time for a Change" auf seinem Soloalbum Out in the Sun (1977).
Die Aufnahmen zogen sich über 6 Monate in Montreux hin.
Mehr als 1 Mio. $ hat die Produktion verschlungen aber es hat sich gelohnt!
Kirchenorgel-Rocker

Auch wenn der Sound einer Kirchenorgel elektronisch simuliert werden kann
ist die sakrale Stimmung einer echten Kirchen-Pfeifenorgel, nicht zu erreichen.
Rick Wright war der erste Rockmusiker, der sich 1969 an die Royal Festival Hall Organ wagte.
Keith Emerson nahm 1970 Teile für 'The Three Fates' dort auf,
was auf dem ELP-Debutalbum veröffentlicht wurde.
Rick Wakeman konnte es kaum erwarten ihrer Idee zu folgen und spielte 1972
den „I get up I get down“-Part in der St. Giles, Cripplegate Church –London- ein.
Für die Aufnahmen von Awaken und Parallels wählte Rick die Saint Martins Kirche
in Vevey ca. 15 Autominuten vom Studio entfernt.
Mit einer Telefonleitung war Rick von der Orgel mit dem Studio verbunden.
Die einzelnen Passagen wurden in Echtzeit mit der Band im Studio aufgenommen.
Jon Anderson war auch in der Kirche dabei und hat Rick mit seiner Harfe begleitet.
Ausschnitte von diesen Sessions sind unter dem Titel Vevey Part 1 & 2 zu hören.
Dieses Album nimmt in meiner Yes Sammlung einen sehr großen Stellenwert ein. Deshalb habe ich mir Deine sehr ausführliche und gelungene Rezension genossen. Auf dem Album gibt es für mich keinen Ausfall.
Toleranz bedeutet, dass man auch andere Meinungen, Anschauungen oder Haltungen neben seiner eigenen gelten lässt.
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