[REVIEW] The Jimi Hendrix Experience • Electric Ladyland (1968)

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Beatnik
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[REVIEW] The Jimi Hendrix Experience • Electric Ladyland (1968)

Beitrag von Beatnik »

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Jimi Hendrix ist ein Musiker, den ich erst sehr spät für mich entdeckt habe. Er war mir über Jahrzehnte immer irgendwie zu ungreifbar, was teils an seiner sehr eigenen Art, die Gitarre zu spielen, aber auch an seinem Gesang lag, den ich lange als 'Nichtgesang' bezeichnen mochte. Das änderte sich erst, als ich mal an einer Zürcher Plattenbörse für relativ kleines Geld an eine angeblich japanische Promo Mini LP CD Version seines Meisterwerks "Electric Ladyland" gelangte, die sich später jedoch als russisches Konterfei entpuppte - aber ein sehr gutes Remastering präsentierte. Die CD fristete danach jedoch etliche Jahre im Regal, bis ich mir mal Zeit und Musse nahm, dieses Werk zu ertasten, für mich fühlbar zu machen. Es dauerte aber sehr lange und auch etliche Hördurchgänge, bis sich mir Jimi's ganz eigener musikalischer Kosmos endlich erschloss. Imgrunde dauerte es eine Ewigkeit, bis ich auch bereit war, mich auf seine Musik einzulassen, denn sie weicht in vielem von dem ab, was ich mir all die Jahrzehnte gemeinhin unter Rockmusik vorgestellt habe. Dabei hätte Hendrix eigentlich alleine deswegen schon meine Aufmerksamkeit erlangen müssen, da ich ja immer schon gerne Musik gehört habe, die etwas abseits des Mainstream angesiedelt ist, nebst all den Sachen, die massentauglich sind. Gerade das hat mich in letzter Zeit doch ziemlich zu faszinieren begonnen: Die Vorstellung, dass die Musik von Jimi Hendrix - so anders, so unwahrscheinlich kreativ - tatsächlich auch massentauglich war. Dabei schien der Musiker eher ein amerikanisches Phänomen zu sein, zumindest schaffte es das im Oktober 1968 erschienene Doppelalbum "Electric Ladyland" nur in den USA (als einziges Album von Hendrix überhaupt) auf Platz 1 der Charts, wohingegen der Rest der Welt zwar einhellig von diesem so neuartigen Sound überzeugt war, das Album es aber nirgends sonst auf die höchste Chartsposition schaffte.

"Electric Ladyland" war das dritte und zugleich letzte Album von Jimi Hendrix, das unter seiner ersten Bandinkarnation The Experience erschien. Es erreichte in den USA Doppel-Platin und entpuppte sich als Inspirationsquelle für unzählige Bands und Musiker. Hendrix selbst war ein nicht zu bremsendes Arbeitstier. 200 Auftritte bestritt er alleine im Jahre 1967 und nahm so ganz nebenbei auch noch die ersten beiden Experience Alben "Are You Experienced ?" und "Axis: Bold As Love" auf. Dann jedoch schien er seinen Hauptfokus wesentlich stärker auf Studioarbeit zu setzen und arbeitete intensiv an seinem dritten Werk, das schliesslich als das legendäre Doppelalbum "Electric Ladyland" erscheinen sollte. Musikalisch erfand Jimi auf diesem Werk quasi den Rock neu, präsentierte Songs und Jams, die bis dahin als fast unmöglich schienen und zwischen den Zeilen klare Strukturen der Jazz-Improvisation aufwiesen, diese Inspiration natürlich auf Rockmusik umgedacht. Stilistisch vermengte der Künstler auf "Electric Ladyland" fast alles an Stiloptionen, die sich ihm in jener Zeit boten: Vom Blues über den harten Rock, elektronischen Gimmicks und psychedelischen Elementen bis hin zur freien Improvisation. Eine dermassen wilde und schrankenlose Mischung an stilistischen Experimenten war bis dato noch nie Jemandem gelungen. Es war in der Tat ein revolutionäres Album in der damaligen Zeit.

Seine Experience Band musste Jimi jedoch opfern, denn er sah sich dem Umstand gegenüber, mit konventionellen Begleitmusikern an Grenzen zu stossen. Ausserdem war er fasziniert von dem Umstand, mit den vielen, gerade in jener Zeit neu entstandenen technischen Möglichkeiten zu spielen, sich selbst und sein Instrument zu erforschen, Grenzen neu auszuloten, Grenzen zu überwinden. Vielleicht nicht die erstrebenswerteste Entwicklung, aber definitiv eine, welche die Rockmusik verändern sollte. Seine auf dem Album versammelten Songs wie etwa "1983 (A Merman I Should Turn To Be)" mit Möwengeschrei, einer Feedback-Orgie und rückwärts gelooptem Gitarrenklang schien seine Mistreiter zu überfordern. Die beiden Titel "Voodoo Chile" und "Voodoo Chile (Slight Return)" waren etwas völlig Neues an kreativer Selbstfindung, besonders die lange Jam, die ich persönlich bis heute nicht einzuordnen wage, denn verglichen mit anderen ausufernden Jams gibt es hier keinen kreativen 'Peak', sondern eine Art Wohlklang im Experiment, wenn ich das mal so ausdrücken darf. Bei aller kreativen Inspiration, die Hendrix da übermannt hat, bleibt der Jam doch greifbar, fühlbar und unglaublich konkret, keineswegs abgehoben oder unverständlich. Ein weiterer klarer Höhepunkt des Werks ist das Bob Dylan Cover "All Along The Watchtower", der vielleicht gelungenste Versuch, einen Folksong als Rockmusik umzusetzen.

Erwähnt werden muss, dass Jimi Hendrix nach Abschluss der Arbeiten an dem Album lange mit dem Mixdown beschäftigt war - vermutlich zu lange, denn man sollte am Ende seiner Aufnahmen nicht mehr allzu lange nach dem vermeintlich 'besten' Mix suchen, weil man sich sonst darin verlieren könnte. Genau das aber ist Hendrix passiert. Er war nach unzähligen Stunden über den finalen Soundeinstellungen dermassen entnervt, dass er nahe dran war, den kompletten Mix zu verwerfen und noch einmal neu in Angriff zu nehmen, wofür jedoch die Zeit nicht mehr reichte. Hendrix kritisierte insbesondere den Umstand, dass seine gewählten Effekte nicht raumfüllender und voluminöser platziert worden seien und insgesamt zu wenig warm klangen. Aus heutiger Sicht kann ich das nicht nachvollziehen, denn sowohl mit der auf dem Album gebotenen Musik, als auch mit dem entsprechenden Mix war er damals meilenweit vom Mainstream entfernt. Hendrix war auch überhaupt nicht zufrieden mit dem ursprünglichen Plattencover mit den 19 nackten Frauen. Ich kenne ja beide Plattencover, bin da aber dezidiert anderer Meinung. Das allgemein bekannte, später das Nude Cover ablösende Porträt von Jimi Hendrix empfinde ich als ziemlich dröge. Wenn ich mich in die Musik auf diesem Werk vergrabe, erwarte ich ein provokantes Cover, eines, das polarisiert, befremdlich wirkt, anders ist, aneckt. Genauso wie die Musik, die ich auf dem Album höre.

Persönliche Wertung: -5
Lieblingstitel: Voodoo Chile, 1983...(A Mermaid I Should Turn To Be), House Burning Down, All Along The Watchtower
Ich spreche zwar nur ein paar Brocken Klartext, dafür fliessend ironisch.

Die wunderbare Zumutung, selbst denken dürfen zu müssen.
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Louder Than Hell
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Re: [REVIEW] The Jimi Hendrix Experience • Electric Ladyland (1968)

Beitrag von Louder Than Hell »

Jimi Hendrix darf sicherlich als einer der prägensten Gitarristen seiner Zeit angesehen werden. Was er an Spielweisen und Experimenten nur so aus dem Ärmel schüttelte, ließ andere Genregrößen geradezu erblassen. In dem Zeitfenster 1967 - 1968 brachte er drei Studioalben unter dem Banner Experience heraus, die in ihrer Entwicklung atemberaubend waren. Das Sahnehäubchen ist sicherlich das von dir besprochene Album "Electric Ladyland". Was er hier an musikalischer Vielfalt präsentiert, war faktisch nicht von dieser Welt gewesen. Ein Suchender, der immer neue technische Spielwiesen entdeckte und sie auch umsetzte.

Wenn Clapton "Gott" war, was war denn Hendrix? Leider verließ er uns viel zu früh .....
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Alexboy
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Re: [REVIEW] The Jimi Hendrix Experience • Electric Ladyland (1968)

Beitrag von Alexboy »

Louder Than Hell hat geschrieben: Do 13. Mär 2025, 19:38 Jimi Hendrix darf sicherlich als einer der prägensten Gitarristen seiner Zeit angesehen werden. Was er an Spielweisen und Experimenten nur so aus dem Ärmel schüttelte, ließ andere Genregrößen geradezu erblassen. In dem Zeitfenster 1967 - 1968 brachte er drei Studioalben unter dem Banner Experience heraus, die in ihrer Entwicklung atemberaubend waren. Das Sahnehäubchen ist sicherlich das von dir besprochene Album "Electric Ladyland". Was er hier an musikalischer Vielfalt präsentiert, war faktisch nicht von dieser Welt gewesen. Ein Suchender, der immer neue technische Spielwiesen entdeckte und sie auch umsetzte.

Wenn Clapton "Gott" war, was war denn Hendrix? Leider verließ er uns viel zu früh .....
Jimi Hendrix soll einmal gefragt worden sein, wie es ist der beste Gitarrist zu sein. Seine Antwort:
Fragen Sie Rory Gallagher. :ugeek:
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