Um zu verstehen, wie revolutionär das erste Ramones Album war, werfen wir einen Blick auf die Top-Songs des Landes im Monat seiner Veröffentlichung. "Disco Lady" von Johnnie Taylor war die Nummer eins. Gefolgt vom gelackmeierten Country Schlager "Let Your Love Flow" von den Bellamy Brothers. In diese musikalische Leere stiessen vier Jungs aus Queens. Mit Lederjacken, einer schlechten Einstellung und zweiminütigen Liedern über Klebstoffschnüffeln, männliche Prostitution und willkürliche Gewalttaten. Das Debütalbum mit dem ikonischen Schwarzweiss Cover, das ich zu den schönsten Covern überhaupt zähle, wurde innerhalb weniger Tage in einem Studio in der Radio City Music Hall für nur 7000 Dollar aufgenommen. Die Tontechniker konnten nicht verstehen, was sie da taten, erzählte Tommy Ramone kurz vor seinem Tod. Er war sich sicher, dass der Tontechniker dachte, er würde immer wieder denselben Song aufnehmen. Die Platte sorgte für Aufsehen und erhielt grossartige Kritiken, war aber kommerziell wenig erfolgreich. Das Label glaubte jedoch an die Band und liess sie weiterhin Platten aufnehmen. "Leave Home" folgte noch im selben Jahr, gefolgt vom Meisterwerk "Rocket To Russia". Die Ramones produzierten in rasantem Tempo rasante Songs und, ganz wichtig, sie entwickelten sich nicht, sondern blieben ihrer knappen, auf den Punkt gebrachten Formel treu: Hey! Ho! Let's Go! Die wilden Eskapaden der Sex Pistols hatten die amerikanischen Medien gezwungen, sich mit der Punk-Bewegung zu befassen. Es bestand die Hoffnung, dass dies endlich das dritte Album "Rocket To Russia" sein würde, das den grossen Durchbruch für die Ramones bedeuten würde. Die Single "Sheena Is a Punk Rocker" schaffte es tatsächlich in die Hot 100 und erreichte Platz 81. Für die meisten Bands ist das ein bescheidener Erfolg. Aber für die Ramones war es ein grosser Erfolg.
Mit "Road To Ruin" folgte das vierte Ramones Album innerhalb von zwei Jahren. Auf diesem Werk beschlossen sie, ihr Erfolgsrezept zu optimieren, mit einem zum Scheitern verurteilten Versuch, einen Hit zu landen. Es gab zum erstenmal echte Gitarrensoli zu hören, Sixties inspirierte Balladen und sogar ein wenig Akustikgitarre. Das Kalkül ging nicht wirklich auf. Das Album schaffte es nicht einmal in die Top 100. Aber wenn es auf der Welt Gerechtigkeit gäbe, wäre "I Wanna Be Sedated" einer der grössten Songs des Jahres 1978 geworden. War aber nix. Auf dem absoluten Höhepunkt ihres Könnens veröffentlichten die Ramones ein brutal geiles Livealbum, als sie 1977 eine Silvestershow im Londoner Rainbow Theatre spielten. Das Band lief, als sie 28 Songs in Windeseile durchprügelten. Das Ergebnis trug den Titel "It’s Alive", die definitive Visitenkarte eines Ramones Konzerts. Bis zu ihrem grossen Abschied im Jahre 1996 hielten sie sich grösstenteils an genau diese Show und streuten ein paar neue Songs ein. Aber nie wieder klangen sie so vital. Besonders nachdem Tommy im folgenden Jahr ausstieg. Es gibt viele Livealben der Ramones, aber "It's Alive" ist das, welches man wirklich braucht. Als Popmusik-Fanatiker der 60er Jahre konnte Joey Ramone das Angebot nicht ausschlagen, ein Album mit Phil Spector in den Gold Star Studios aufzunehmen. Dem Ort, an dem der legendäre Produzent Songs wie "Be My Baby" und "You’ve Lost That Loving Feeling" geschaffen hatte. Leider war Phil Spector 1979 ein paranoider, schiesswütiger Irrer, der die Ramones dazu brachte, stundenlang dieselben winzigen Stücke aufzunehmen. Und mit einer Schusswaffe herumzufuchteln, wenn Johnny streitsüchtig wurde. Es war eine Zeit des Wahnsinns für alle Beteiligten. Aber irgendwie entstand dabei ein ziemlich herausragendes Album. "Do You Remember Rock and Roll Radio", "Chinese Rock" und "Rock N‘ Rock High School" können sich mit allem im Ramones Katalog messen.
Auch in späteren Jahren, als die Erfolge spärlicher wurden, schufen die Ramones noch hörenswerte Alben, von denen aus meiner Sicht das eingangs erwähnte Album "Acid Eaters" das Unverzichtbarste ist. Es war die akustische Danksagung einer der unverstandensten Rock'n'Roll Bands an ihre musikalischen Wurzeln. Ohne die eine oder andere Ramones Scheibe ist ein Plattenregal nicht komplett.












