
Stell Dir vor, es kommt Jemand und fragt Dich: "Hast Du je von einem wunderschönen Album gehört, welches die Marshall Tucker Band, die Nitty Gritty Dirt Band oder die Charlie Daniels Band nie veröffentlicht haben ?" Oder: "Hast Du je von einer Band namens J.C. Flyer gehört, die nur aus Top-Studiomusikern besteht, welche für die renommiertesten Bands in den USA gespielt, selber aber nur ein einziges Mal für eine Aufnahme-Session in einem Studio zusammengekommen sind, um ein traumhaft schönes Album einzuspielen, welches dann kein Schwein kauft ?" Gut, dann sind wir jetzt bei J.C. Flyer und dem Album "Movin' On", und von dem möchte ich Euch heute erzählen. Gleich vorweg: Es gibt keinerlei Hörproben auf Youtube. J.C. Flyer, der "Bandleader" des Projekts, dessen eigenes Pseudonym dieser Band quasi den Namen gab, und dessen eigener echter Name eigentlich J.C. Juanis ist, hat zwar mal vor Lichtjahren eine längst nicht mehr aktualisierte Webseite gebastelt, die aussieht, als stammte sie noch aus der Gründerzeit des WWW. Dort kann man ein paar Eckdaten zu dem Projekt erfahren, aber auch dort sind die Beispielsongs längst nicht mehr abrufbar, da sie noch mit einer "Dial" (Einwähl-Verbindung) aufgerufen werden mussten (!).
Personell gibt es Querverbindungen zu Bands und Musikern wie Rick Danko, Terry Dolan's Acoustic Rangers, John Cipollina, Floyd "Red Crow" Westerman, Sandy Rothman, Phil Lesh und Buzzy Linhart. Die insgesamt 16 Songs des Albums wurden alle von J.C. Flyer komponiert, wobei nicht ersichtlich ist, welche der beteiligten Musiker bei den einzelnen Songs ihre Credits verdient hatten, oder ob am Ende J.C. Juanis alle Songs selbst geschrieben hat. Wenn dem nämlich so wäre, würde diese Platte gleich nochmal in einem anderen Licht dastehen, dann wäre sie nämlich wirklich kompositorisches Top-Niveau. Die Liste der an den Aufnahmen beteiligten Musiker ist beeindruckend: The Dead und Phil Lesh & Friends Keyboarder Rob Barraco, der Pedal Steel Gitarrist Barry Sless aus der David Nelson Band, der frühere Bruce Springsteen And The E Street Band Schlagzeuger Ernest "Boom" Carter, die äusserst prominenten und sehr bekannten Rowan Brothers für die Backing Vocals, George Michalski am Piano und Kingfish Keyboarder Barry Flast, um nur die Wichtigsten zu nennen.
Die Titel "Long Hard Road" und "Goin' Home" sind die ältesten Songs auf der Platte, welche der mysteriöse J.C. schon über ein Jahrzehnt lang immer wieder an Konzerten spielte und somit auch wusste, dass sie beim Publikum seit langer Zeit sehr gut ankommen. Das Kernstück des Albums, das überlange "Big Wheels" ist eine wundervolle Southern Country Rock Nummer, die vor allem von den Twin Guitar Soli lebt, und viel vom typischen lockeren Südstaaten-Rock der Allman Brothers oder der Marshall Tucker Band bietet. J.C. selber sieht seine Platte im nachhinein als eigentliches musikalisches Road Movie, eine grosse amerikanische Musikreise. Kein Wunder: Er hat ja auch jahrelang getingelt vom kleinsten Bar & Grill Restaurant bis zu den grösseren Hallen in ganz Nordamerika. Seine Songtexte erzählen die entsprechenden Anekdoten seiner Erlebnisse 'on the road', wie etwa in "Big Wheels", "Long Hard Road", "Drive All Night Long", "California" oder bei "Snowing In New England". In seinen Titeln widerspiegelt sich auch der unruhige Geist, der ewig Suchende, der immer auf der inneren Reise ist und nie ankommt. "Foreign Soils", "Goin' Home", "Towards The Sun" und "Alone In The Wind" zeigen teilweise auch recht melancholische Momente. "Memories Of You" und "Back To You" wiederum erzählen vom Abschied nehmen und von der grossen Sehnsucht, irgendwo ankommen zu wollen, wo 'zuhause' ist.
J.C. Flyer behielt sein Pseudonym bei und spielte in all den Jahren seit der Veröffentlichung dieses wunderbaren Albums unter anderem mit Little Feat, Willie Nelson, The Dead, Jerry Jeff Walker, Waylon Jennings, Gregg Allman oder mit Big Brother & The Holding Company. Trotzdem trat er nie als den Erfolg suchender Solist in Erscheinung, sondern bleib ein sogenannter "Musicians' Musician", der über weitreichende Kontakte verfügt und gerne mal ins Tonstudio eingeladen wird, wo er als stiller Sideman sowohl kompositorisch, wie auch als Gitarrist vor allem eines macht: seinen Traum von der Musik zu leben. Der Musiker lebte gemäss seinen eigenen spärlichen Informationen seit 1978 in der Bay Aera und sog den typischen Bay Aera Sound förmlich auf. Ausserdem war er ein begeisterter Country-Fan, und das offensichtlich seit er zum erstenmal den Beatles-Song "I've Just Seen A Face" gehört hatte. J.C. Juanis, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, arbeitete einige Jahre für das Relix Magazine des gleichnamigen Independent Plattenlabels, das bekannt ist für die Veröffentlichungen einiger Grateful Dead Side Projects. Während 16 Jahren unterhielt und pflegte er dort seine 'Bay Aera Bits' Kolumne, in welcher er Bands und Musiker der Bay Aera porträtierte. Dadurch wurde er für etliche Musiker aus dem Grossraum San Francisco eine wichtige Anlaufstelle, deren Bekanntheitsgrad zu fördern. Bevor J.C. dann selber aktiv Musik machte, kannte er dadurch bereits zahlreiche hervorragende und auch bekannte Musiker persönlich, was ihm später für seine eigene Platte mehr als dienlich sein würde. Er nutzte seine ganzen Kontakte und Connections, als er im Jahre 2003 seine erste eigene Platte "Movin' On" aufnahm, die zugleich auch seine letzte war.
J.C.'s Vater, ein passionierter Angler, übte seinen Sohn in Geduld: "Du musst geduldig sein, wenn sie nicht gleich anbeissen." Als J.C. nach geeigneten Musikern Ausschau hielt, bissen diese jedoch sofort an und waren Feuer und Flamme, mit J.C. eine Country Rock-, Americana- und Southern Rock-Scheibe aufzunehmen. Die Stücke der vorliegenden Platte wurden über einen grösseren Zeitraum aufgenommen, sodass am Ende 16 klassische Country Rock Titel verschiedener Couleur zusammen kamen. J.C. Flyer spielte in den Jahren nach der Veröffentlichung dieses wunderbaren Albums unter anderem mit Little Feat, Willie Nelson, The Dead, Jerry Jeff Walker, Waylon Jennings, Gregg Allman oder mit Big Brother & The Holding Company.
Der Grateful Dead Musiker Robert Hunter urteilte über die Platte: "This album deserves to be heard." Das kann ich hundertprozentig unterschreiben. Ein unvergängliches Stück Musik mit sehr viel Feeling, das dermassen unbekannt blieb, dass es heute noch eine Freude ist, es zu entdecken.