[REVIEW] Paul Jones • Shelf (Vertigo Swirl 1972, unreleased)

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Beatnik
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[REVIEW] Paul Jones • Shelf (Vertigo Swirl 1972, unreleased)

Beitrag von Beatnik »

Vertigo Swirl 6360 075: Die Bestellnummer zu einem Album, das zwar aufgenommen, aber nie veröffentlicht wurde. Eine im wahrsten Sinne mysteriöse Geschichte rund um ein Album, das in Sachen Jazz Rock ein Geheimtipp hätte werden können. Hätte...

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Es gibt in der Rockmusik viele höchst nebulöse Mysterien, die, erst einmal halbwegs entschlüsselt, oft nur noch recht unspektakulär wirken. Das zweite Album des späteren Sängers von The Blues Band - dem grossen Kenner des britischen Bluesbooms von Mitte bis Ende der 60er Jahre, der auch mit Alexis Korner schon musiziert hatte - für das progressive Plattenlabel Vertigo Records, das damals nie erschienen war, dürfte eines dieser Mysterien gewesen sein. Besonders die beinharten Sammler der Vertigo Swirl Platten dürften jahrzehntelang gemutmasst haben, was es mit der im durchaus einige Lücken aufweisenden Veröffentlichungskatalog dieses legendären Labels stets nicht näher klassifizierten originalen Katalogummer 6360 075 (nebst einigen weiteren bis heute nicht entschlüsselten Katalognummern, die vielleicht einmal irgendwelchen Werken vergeben wurden, jedoch bis heute als unbekannt gelten) auf sich hat. Trotz immenser Möglichkeiten zu Recherchen offenbart hier auch das Internet leider noch immer zahlreiche Lücken, die - wenn überhaupt - höchstens noch von ehemaligen Mitarbeitern der Plattenfirma Vertigo oder allenfalls Promotions-Verantwortlichen oder am Ende vielleicht sogar dem eine oder anderen noch lebenden Musiker beigesteuert werden könnten. Was bis heute nach bald fünf Dekaden allerdings noch nicht herausgefunden wurde, dürfte indes auch in der Zukunft wohl kaum noch ans Tageslicht kommen. Aber wer weiss das schon. Man kann immer davon ausgehen, dass es vielleicht noch irgendwo ein vergessenes Archiv gibt mit alten Unterlagen, Bändern, Hinweisen. Die Geschichte der Rockmusik ist voll von solch abenteuerlichen Stories, und dennoch erblickt nicht selten so ein Juwel noch nach Jahrzehnten erstmals das Licht dieser Welt.

1971 konnte Paul Jones einen Plattenvertrag beim progressiven Label Vertigo Records unterschreiben. Der Vertrag sah zwei Langspiel-Veröffentlichungen vor und das erste Album erschien im selben Jahr unter dem recht ungewöhnlichen Titel "Crucifix In A Horseshoe". Es war Jones' erstes Album nach über zwei Jahren, als er 1969 für EMI die Platte "Welcome To My Music Box" herausgebracht hatte. Die Aufnahmen zum ersten Vertigo Album spielte Jones mit der Begleitband White Cloud ein, welche zuvor als Backing Band für den Singer/Songwriter Thomas Jefferson Kaye arbeitete. Einziges Stück der LP, das einigermassen wahrgenommen wurde, war der "Motel Blues" aus der Feder von Loudon Wainwright III, ansonsten geriet das Album zu einem veritablen Flop. Das Positive an seinem Plattenvertrag mit dem legendären Vertigo Label war allerdings, dass er dadurch die Möglichkeit erhielt, mit Musikern einer seiner grossen Lieblingsgruppen zusammenzukommen: Nucleus, welche ebenfalls auf dem Philips-Ableger ihre Werke veröffentlichten. Zeitgleich mit seiner LP-Veröffentlichung arbeitete Paul Jones auch weiterhin als begehrter und gut gebuchter Studiomusiker, wirkte auf zahlreichen Projekten namhafter Künstler und Bands mit. Dabei beschränkte er sich allerdings nicht nur auf Musikaufnahmen, sondern stellte auch Jingles etwa für Joghurt- oder Benzin-Werbung her. Er arbeitete für Film, Fernsehen und Radio gleichermassen. George Fenton oder Alan Parker gehörten dabei nebst zahlreichen anderen zu seinen Auftraggebern. Während dieser Tätigkeiten stiess er auch auf Roy Babbington und Dave MacRae. Diese beiden Musiker spielten auch in den Bands Soft Machine und Mathing Mole und waren zu jenem Zeitpunkt, als Paul Jones auf sie traf, auch Mitglieder in Ian Carr's Gruppe Nucleus. Als Vertigo Records auf die Inangriffnahme des vertraglich vereinbarten zweiten Albums drängte, fragte Jones die beiden Musiker an, ob sie interessiert wären, an dieser Platte mitzuarbeiten. Beide sagten zu.

Unter der Leitung des aus den USA eingeflogenen Produzenten Ted Cooper, der dort zuvor die Band Elephant's Memory produziert hatte, begannen Paul Jones und seine Mitmusiker in den Morgan Studios in Willesden mit ersten Aufnahmen zu der geplanten zweiten Vertigo LP. Alleine die Wahl der beteiligten Musiker liess schon zu Anfang der Studiosessions erkennen, dass dies wohl kaum eine Platte wird, auf welcher stilistisch sein im Jahr zuvor veröffentlichtes Album "Crucifix In A Horeshoe" eine Wiederholung erfahren würde. Die Stücke, welche Jones aufnahm, waren sehr viel experimenteller, eklektischer und praktisch ausschliesslich im Jazz verankert, und zwar jener Spielart des Jazz, die derjenigen von Ian Carr's Nucleus relativ nahe kam. Neben Roy Babbington und Dave MacRae konnte Jones den hervorragenden und äusserst innovativen Jazzgitarristen Gary Boyle verpflichten, der kurz nach diesen Aufnahmen seine Band Isotope gründete. Ausserdem war der Geiger Graham Preskett zu hören. Preskett wiederum kam eher aus dem Bereich der Pop- und Rockmusik, spielte später auch für Mott The Hoople, Slapp Happy und Young & Moody, bevor er vor allem durch sein Geigenspiel bei Gerry Rafferty und auf David Coverdale's "Northwinds" bekannter wurde.

Als Schlagzeuger war eigentlich Pip Pyle, das spätere Gründungsmitglied der Canterbury-Truppe Hatfield & The North vorgesehen, doch Paul Jones entschied sich kurz vor den Aufnahmen noch um und holte für die Drumparts den funkiger spielenden Roy Otemro aus der Band Cochise, von welchem er dachte, dieser sei die ideale Ergänzung zum Bassisten Roy Babbington. Eine sehr gute Wahl, wie sich später beim anhören der fertigen Songs herausstellen sollte. Mit dem Tenorsaxophonisten Nisar Ahmed "George" Khan, der sowohl im Bereich Jazz, wie auch im Rock beste Erfahrungen gesammelt hatte, so unter anderem bei John Stevens, John Surman, dem Mike Westbrook Orchestra und nicht zuletzt bei den beiden bekannten Bands von Pete Brown, nämlich den Battered Ornaments und Piblokto, kam ein weiterer sehr innovativer Musiker hinzu, bei dem die Grenzen zwischen Jazz und Rock absolut fliessend waren und der sehr freie Elemente auch in kompakten und durchstrukturierten Songs punktgenau zu platzieren wusste. Den Gesang teilte sich Paul Jones schliesslich mit der Sängerin Joy Askew, welche später auch mit Joe Jackson, Laurie Anderson und Peter Gabriel zusammenarbeitete.

Im Titel "Two Tough Kids" erhielt der Zuhörer ein Beispiel für das wilde und intensive Saxophonspiel von Nisar Ahmed "George" Khan zu hören, eine wahre Tour De Force, die weitab von all der Musik war, die Paul Jones bis dahin veröffentlicht hatte. Das war nicht mehr der ehemalige Sänger bei Manfred Mann, aber auch nicht der leicht biedere Blues-Pop Sänger noch vom Jahr zuvor auf "Crucifix In A Horseshoe". Auf der einen Seite waren es natürlich Jones' Ideen, sich musikalisch auf den Pfaden anderer jazziger Exponenten des Vertigo Labels wie etwa Nucleus, Catapilla oder Graham Bond zu bewegen, auf der anderen Seite ging er persönlich nicht davon aus, auf einem Label, das vor allem für seine Album-Veröffentlichungen bekannt war, so etwas wie eine Hitsingle abliefern zu müssen. Dies wollte er auch gar nicht, wie er später selber einmal äusserte: "My agent rang me and told me that the record company were disappointed they couldn't hear a single. To be fair neither did I but I hadn't intended to do a single. It was because the record company were seeing me as a pop singer, whereas I thought I'm on Vertigo; Nucleus are on Vertigo therefore I can do anything I want I want to do. It never occurred to me to try and get them a single".

Weitere bemerkenswerte musikalische Momente zeigte Paul Jones etwa im Stück "Life Story", das Jones zusammen mit Roy Babbington geschrieben hatte und das eine Steilvorlage für die Sängerin Joy Askew bedeutete. Zu dem Stück wurde Paul Jones inspiriert durch ein Broadway-Musical namens "Jacques Brel is alive and well and living in Paris". Dieses Musical gastierte zum Zeitpunkt der Plattenaufnahmen gerade in London und Jones sah sich das von Mort Schuman geschriebene Stück an. Schuman übte stets einen grossen Einfluss auf Paul Jones aus. Auch den Titel "Peter" schrieb Jones zusammen mit Roy Babbington. Dessen virtuoses und zeitweise sehr freies Spiel liess auch diesen Song zu einem ganz besonderen Ereignis werden. Das wahrscheinlich radikalste Stück war der Opener "Voices", das Jones mit dem Keyboarder Dave MacRae zusammen komponiert hatte. Der Titel zeigte sehr eindrücklich, dass MacRae zuvor bei Soft Machine viel gelernt hatte. Der Track klingt fast wie eine Nummer der mittleren Schaffensperiode von Soft Machine nach dem Ausstieg von Kevin Ayers, als deren Stil experimenteller und jazziger wurde. "Voices" zeigt aber auch eine sehr groovige Funky-Rhythmik und lieferte Paul Jones ein instrumentales Fundament par excellence, um seinen wohl expressionistischsten Gesang zu präsentieren, den er je aufgenommen hat. Es ist schade, dass gerade diese Nummer damals nicht bis an die Ohren der Verantwortlichen bei Vertigo Recoprds hatte dringen können. Hätte man nämlich dieses über acht Minuten lange Highlight in einer weiteren, gekürzten Variante eingespielt, hätte daraus bestimmt eine interessante Single werden können.

Auch die zwei zusätzlich eingespielten Nummern "Marooned" und "Wrestler" gerieten konsequent popfrei, waren perfekte Ergänzungen zu den übrigen Titeln und deswegen in den Augen von Vertigo Records genauso unverkäuflich. Das Label konnte sich nicht zu einer Veröffentlichung entscheiden, worauf die sechs Songs für lange Zeit ins Archiv wanderten, wo sie still vor sich hinschlummerten. Erst im Jahre 2010, fast vier Dekaden später, wurden die Songs wiederentdeckt und fertig gemastert. Sie waren als Bonustracks auf der remasterten CD von "Crucifix In A Horsehoe" auf dem Label RPM Records erstmals zu hören. Für Paul Jones war es damals eine grosse Enttäuschung, dass dieses Werk nicht hatte veröffentlicht werden können, hätte es doch eine völlig andere musikalische Seite des Künstlers gezeigt. Doch war er damals auch ziemlich gut beschäftigt als Theater- und Filmschauspieler, sodass er die Aufnahmen relativ schnell abhaken konnte. Der Musik blieb Paul Jones aber letztlich ebenso treu. Nachdem er zusammen mit den beiden ehemaligen Musikern der Gruppe IF, dem Saxophonisten Dave Quincy und dem Gitarristen Terry Smith die Gruppe "Q" gegründet hatte, die bald wieder auseinanderfiel, weil die beiden sich einem anderen Bandprojekt namens Zzebra zuwendeten, suchte er sich neue Musiker zusammen, aus denen im Jahre 1979 dann die sehr bekannte The Blues Band hervorging, mit der er bis heute aktiv musiziert. Paul Jones dazu: "I couldn't stand not playing music". Auf die Frage, welchen Titel er seiner zweiten LP hätte geben wollen, meinte er einmal, er hätte damals über keinen passenden Titel nachgedacht. Hätte er damals jedoch geahnt, dass diese Aufnahmen jahrzehntelang in einem Archiv liegen würden, hätte er es wohl "Shelf" ("Regal") benannt.

Titel:

1. Voices (Paul Jones / Dave MacRae)
2. Wrestler ((Paul Jones)
3. Two Tough Kids (Paul Jones / Graham Preskett / George Khan)
4. Peter (Paul Jones / Roy Babbington)
5. Life Story (Paul Jones / Roy Babbington)
6. Marooned (Paul Jones / Dave MacRae)

Besetzung:

Paul Jones - Gesang
Joy Askew - Gesang
Nasar Ahmed "George" Khan - Alto Saxophon
Graham Preskett - Violine
Gary Boyle - Gitarre
Dave MacRae - Keyboards
Roy Babbington - Bass
Roy Otemro - Schlagzeug

Produziert von Ted Cooper





Es müssen nicht immer neue Wege sein.
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Das Leben ist zu kurz für Fragezeichen.

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nixe
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Re: [REVIEW] Paul Jones • Shelf (Vertigo Swirl 1972, unreleased)

Beitrag von nixe »

Da die beiden Anderen gut gefallen haben, müßte ich diese mir auch zulegen.
Tschüß
nixe

Musik hat die Fähigkeit uns geistig, körperlich & emotional zu beeinflussen!

!!!I like Prog!!!

!!!Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten!!!
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