[REVIEW] Graham Parker • Heat Treatment (1976)

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Beatnik
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[REVIEW] Graham Parker • Heat Treatment (1976)

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Obwohl Graham Parker schon als Jugendlicher von einer Karriere als Rockmusiker träumte, musste er sich nach seinem Schulabschluss zunächst mit Jobs als Tankwart, LKW-Fahrer oder in einer Gummischlauchfabrik über Wasser halten. Ab 1970 spielte er in verschiedenen erfolglosen Bands, die von Spanien bis nach Marokko tourten. 1975 kehrte Parker nach London zurück, wo ihm der Chef von Stiff Records Dave Robinson die Möglichkeit gab, einige Demos aufzunehmen. Zudem machte Robinson Graham Parker mit der gerade gegründeten Band The Rumour bekannt, die aus Brinsley Schwarz (Gitarre), Martin Belmont (Gitarre), Andrew Bodnar (Bass), Bob Andrews (Keyboards) und Stephen Goulding (Schlagzeug) bestand. Sie sollten fortan für die nächsten fünf Jahre Parker's Begleitband bilden. Graham Parker And The Rumour spielten einen sparsamen und gitarrenbetonten Bluesrock, der sich gleichzeitig stark mit Soul und Rhythm'n'Blues vermischte. Besonders Parker's rauhe Stimme verlieh den Songs einen ganz markanten Touch. Diese Musik entfaltete vor allem auf der Bühne ihre besondere Wirkung, sodass Graham Parker And The Rumour sich schnell zu einer der beliebtesten Live-Bands in England entwickelten.

Parker's Begleitmusiker waren alte Hasen. Sie spielten schon in den frühen 70er Jahren als Brinsley Schwarz einen Pubrock-orientierten Country-Rock, der ziemlich erfolgreich war und auch einige bekannte Songs abwarf. Aus dem Dunstkreis von Nick Lowe und Dave Edmunds, die sich ebenfalls in diesem musiklaischen Bereich weiterentwickelten, entstand ein neuer, typisch britischer Musikstil, der sich schliesslich als Pubrock etablieren konnte, und den neben der Gruppe Brinsley Schwarz etwa auch Bands wie Killburn & The Highroads (die frühe Band von Ian Dury), Ace, Ducks Deluxe oder auch die Kursaal Flyers zu spielen pflegten. Als Pub Rock wurde letztlich vor allem die in London und Essex entstandene Spielart des Rock bezeichnet, die primär von Mitgliedern der Arbeiterklasse ausging und sich vor allem durch eine Club-Atmosphäre und den dadurch möglichen engen Kontakt zwischen Musikern und Publikum auszeichnete. Musikalisch war Pubrock vor allem eine Rückbesinnung auf die 60er Jahre, als die Beat- und Rhythm'n'Blues-Welle eine rege landesweite Livemusik-Clubszene hervorbrachte.

Der technologische Fortschritt, die in Gigantomanie ausartenden Bühnenshows und grössere Zuschauerzahlen hatten zu einer Diskrepanz zwischen den beteiligten Musikern und einem Teil des kritischen Publikums geführt. Der Superstar-Rock um Pink Floyd, Genesis, David Bowie, Deep Purple hatte ein an ehrlicher Musik interessiertes Publikum nach Alternativen suchen lassen. Dieses Publikum hatte wenig Interesse an immer komplexer werdenden musikalischen Strukturen und immer grösser werdendem Bühnenequipment. Als Gegenteil davon hatte der hierzu alternativ entstandene Pubrock vor allem im Untergrund Erfolg: Einfache Musik, dargeboten in kleinen Clubs und Kneipen, die ohne wohlkalkulierte Stage Shows und exzessive Soli auskam, dafür aber vor allem darauf ausgelegt war, durch solide musikalische Virtuosität den Funken zum Publikum überspringen zu lassen. Gruppen wie Starry Eyed And Laughing wurden durch komplexe Vokalarrangements und 12 String Rickenbacker-Sounds zu Publikumslieblingen. Die aus Australien nach London emigrierten Max Merritt & The Meteors überzeugten durch einen vielschichtigen Sound, der sowohl Anleihen aus dem Rhythm'n'Blues, dem Country Rock und dem Pop vereinte.

Allgemein wird der Pubrock heute als einer der Vorläufer des Punk gesehen, der ab 1976 in England populär wurde. Lee Brilleaux half mit einem Darlehen von 400 britischen Pfund, das Plattenlabel Stiff Records zu gründen, Joe Strummer spielte mit den 101ers Pubrock, bevor er mit seiner Gruppe The Clash erfolgreich war. Eddie & The Hot Rods waren zunächst eine reine Pubrock Band, bevor auch sie mit Punk Rock assoziiert wurden. Kommerziell gesehen war der Pubrock bis auf wenige Ausnahmen (Dr. Feelgood kamen mit ihrem Livealbum "Stupidity" auf Platz 1 der Charts, Eddie & The Hot Rods landeten mit "Do Anything You Want To Do" einen Hit) nicht erfolgreich. Das lag zum einen an der Rückbesinnung des Pubrock an die geerdete Musik der 60er Jahre, als auch an dem wenig spektakulären Auftreten der Pubrock Bands. Pubrock war auf der einen Seite zwar innovativ, indem durch Bands wie The 101'ers oder Dr. Feelgood die Grundlagen für den britischen Punk Rock gelegt wurden, auf der anderen Seite aber zu intellektuell, um kommerziell erfolgreich zu sein.

Der klassische Pubrock bediente ein weites musikalisches Spektrum von Rhythm & Blues über den Country Rock bis hin zum Power Pop. Trotz aller musikalischer und stilistischer Unterschiede hatten Pubrock und Punk den direkten Publikumsbezug gemeinsam, der sich in der sogenannten progressiven Musikszene nicht mehr feststellen liess. 1976 erschien Graham Parker's erste LP "Howlin’ Wind", die von Nick Lowe produziert worden war. Das Album bestach sowohl durch die routinierte und doch lockere Spielweise von The Rumour als auch durch Parker's aufwühlende Songs. So rechnete er zum Beispiel im forschen Reggae-Rock "Don’t Ask Me Questions" mit der Kirche ab, während er im Stück "Back To Schooldays" die englische Gesellschaft und ihr Bildungssystem kritisierte. Schmerz, Bitterkeit und Angst zogen sich wie ein roter Faden durch die Songs von Graham Parker And The Rumour. "Howlin’ Wind" sowie das Nachfolge-Album "Heat Treatment" wurden jedoch trotz viel Lob und Anerkennung durch die Musikkritiker kommerzielle Misserfolge. Erst die EP "The Pink Parker" (1977) brachte der Band den ersten Hitparadenerfolg. Auf der wiederum von Nick Lowe produzierten LP "Stick To Me", ebenfalls 1977 veröffentlicht, überraschten Graham Parker And The Rumour mit poppigeren und grosszügigeren Arrangements und liessen stärker Reggae-Elemente in ihre Musik einfliessen. 1979 erschien das Album "Squeezing Out Sparks", das sich gut verkaufte und von den Kritikern als Parker's bis dahin beste Arbeit gefeiert wurde. Auch das Live-Doppelalbum "Parkerilla" (1978) und das Studioalbum "The Up Escalator" (1980) kamen beim Publikum gut an. Letztere sollte Parker's letzte Zusammenarbeit mit seiner langjährigen Begleitband The Rumour werden, von der er sich im August 1980 trennte.

"Heat Treatment", obwohl erst das zweite Album der Band, liess indes bereits erkennen, wie hochprofessionell und musikalisch versiert die Musiker um Graham Parker bereits agierten. Ihr kerniger und emotionsgeladener Rhythm'n'Blues, vollgepfropft mit Soul und Emotionen, lässig aus der Hüfte runtergespielt, wirkte absolut überzeugend und wusste vom ersten Stück bis zum Schlussakkord zu unterhalten. Graham Parker sang und spielte Gitarre, diese höchstverärgerte Stimme, die seine Songtexte glaubwürdig und exzellent transportierte - und die gelegentlich eingesetzten verschärften Saxophone, gespielt von den Gastmusikern John Irish Earle und Albie Donnelly - alleine diese zwei Essenzen verhalfen den Songs zu messerscharfen Rhythm'n'Blues-Nummern, die einfach packend und höchst tanzbar machten. "Heat Treatment" swingt und rollt einfach herrlich. Ab geht die Rock-Post beispielsweise bei "Help Me Shake It" oder "Hotel Chambermaid", aber natürlich sind bei dieser Musikform, die ich bedenkenlos als edelsten Pub Rock bezeichnen möchte, auch die langsameren, teils klagenderen Titel wie "Fool's Gold" oder "Hold Back The Night" von zeitloser Schönheit. Das Titelstück lebt vor allem von den tollen Bläsersätzen, die auch eine Melodie spielen, die sofort im Gedächtnis hängen bleibt.

Die zweite Seite der originalen LP zeigte mit den beiden Songs "Pourin' It All Out" und "Back Door Love" am besten den Einfluss von Nick Lowe, die beiden Titel zeigen einen wundervollen und hundertprozentig überzeugenden Country Rock britischer Ausprägung, wohingegen "Something You're Going Through" sich des Reggae-Stils bediente, den Graham Parker bereits auf dem Album zuvor beim Song "Don't Ask Me Questions" gezeigt hatte. Der geschmeidige Rhythm'n'Blues-Schunkler "Fool Gold", der gegen Schluss hin ebenfalls einen dezenten Reggae-Touch erhielt, zeigte wieder wundervolle Bläsersätze, die Graham Parker's Sound auf diesem Album schon mal ab und zu tiefschwarz erscheinen liessen. Ich persönlich halte "Heat Treatment" für das ausgewogenste Album von Graham Parker And The Rumour. Auch meine ich, es ist das Album, welches praktisch nur Ohrwürmer bietet, die sich angenehm in den Gehörgängen festkrallen. Eine Platte zum mitsummen und mitsingen. Als musikalischen Vergleich würde ich vielleicht einen Mix aus Brinsley Schwarz, Bruce Springsteen mit einem kleinen Schuss Otis Redding nehmen. "Heat Treatment" ist für mich persönlich ein Inselalbum, mithin auch die beste Scheibe von Graham Parker, da durchgängig groovend und von bemerkenswerter Songschreiber-Qualität.

Anfang der 80er Jahre liess sich Graham Parker schliesslich in New York nieder, wo er 1982 das Album "Another Grey Area" einspielte, für das er jedoch erstmals schlechte Kritiken erntete. Mit "The Real Macaw" konnte er sich ein Jahr später bei der Fachpresse wieder rehabilitieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte jedoch Graham Parker's kommerzieller Abstieg zum sogenannten 'Kritikerliebling' begonnen, also zu einem jener Musiker, die zwar von Musikfachleuten begeistert benotet werden, beim Publikum aber scheitern. "Steady Nerves" (1985) und "Mona Lisa's Sister" (1988) wurden seine letzten Platten, die sich in den LP-Charts platzieren konnten. Parker verlor seinen Plattenvertrag und musste seine hochgelobten Alben wie das sanft folkige "12 Haunted Episodes" (1995) auf immer kleineren Plattenlabels veröffentlichen. Seiner Enttäuschung darüber tat er 1996 auf dem Album "Acid Bubblegum" in dem Song "Sharpening Axes" kund, in dem er die Zeile 'Die Masse interessiert sich nicht für mich, und ich interessiere mich nicht für die Masse' sang. 2007 erschien die CD "Don’t Tell Columbus", und am 16. März 2010 wurde "Imaginary Television" veröffentlicht. In dem Film 'Immer Ärger mit 40' aus dem Jahre 2012 hatte Parker einen Cameo-Auftritt. Paul Rudd spielte in diesem Film den Inhaber eines Plattenlabels, das kurz vor der Pleite steht und seine letzte Hoffnung in Graham Parker setzt. Was für eine Ironie des Schicksals.







Es müssen nicht immer neue Wege sein.
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Louder Than Hell
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Re: [REVIEW] Graham Parker • Heat Treatment (1976)

Beitrag von Louder Than Hell »

ch habe heute Vormittag mal in meinen alten Unterlagen mit den Konzertkarten gewühlt und bin fündig geworden:

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Zu der Rezi werde ich mich am Wochenende noch einmal äußern.
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