[REVIEW] Manassas • Manassas (1972)

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Beatnik
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[REVIEW] Manassas • Manassas (1972)

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Über dieses einmalige Doppelalbum wurde schon viel geschrieben, auch hier im Forum gehört es zu den Alben, die regelmässig von den Forianern aufgelegt wird, darum darf das hier auch mal noch ein Review erfahren. Stephen Stills gründete die Band Manassas, nachdem er mit einigen der auf dem späteren Doppelalbum zu hörenden Musikern bereits auf seinem Soloalbum "2" (1971) und der dazugehörigen Tournee zusammengearbeitet hatte. Als Rhythmusgitarristen gewann Stills Chris Hillman, der zuvor bei den Byrds war. Der Schlagzeuger Dallas Taylor hatte seit 1969 sowohl mit Stills, als auch mit Crosby Stills Nash & Young gespielt. Stills benannte seine Band nach der Stadt Manassas in Virginia, als er und seine Mitmusiker sich für ein Foto auf dem alten Bahnhof von Manassas fotografieren liessen. Das Foto ist auch das Cover ihres gleichnamigen ersten Albums, dessen Songs mehrheitlich aus der Feder von Stephen Stills stammten.

Das dritte Studioalbum des Musikers und das erste Album mit seiner neu formierten Band gilt vielen Fans und Kritikern als Höhepunkt im Schaffen von Stephen Stills. Beflügelt durch den Erfolg seiner ersten beiden Soloalben und zunehmend frustriert von seinen Mitspielern bei Crosby Stills Nash & Young begann Stills nach einer Tournee mit der Arbeit an seinem dritten Solo-Werk. Wie schon für die beiden Vorgänger-Alben konnte er erneut zahlreiche hervorragende Musiker zur Mitarbeit bewegen. Daneben erwies sich Stills auch im Band-Kontext als ausgesprochener Multi-Instrumentalist.

Die intensiven Aufnahme-Sessions, die oft bis mitten in die Nacht hinein dauerten, schweissten die einzelnen Musiker zu einer wirklichen Band zusammen. Innerhalb kürzester Zeit entstanden so die 21 überwiegend von Stills geschriebenen Titel des Albums, die in vier thematischen Gruppen (entsprechend den vier Seiten der originalen Doppel LP-Veröffentlichung) angeordnet sind. Das Album beginnt mit dem Kapitel "The Raven", das vornehmlich aus einer Kombination von Rock- und Latin-Stücken besteht und daher ganz Stephen Stills' Vorliebe für lateinamerikanische Musik zur Geltung bringt. Aus diesem Kapitel stammt der Titel "Rock & Roll Crazies / Cuban Bluegrass", der auch als Single veröffentlicht wurde, sich jedoch nicht unter den ersten 100 der US-Charts platzieren konnte. Das zweite Kapitel, betitelt "The Wilderness", setzt den Akzent auf traditionelle amerikanische Country- und vor allem Bluegrass-Klänge, bei denen die musikalischen Fähigkeiten der Gitarristen Chris Hillman und Al Perkins in den Vordergrund rücken. Höhepunkt des Kapitels ist der Titel "So Begins The Task", geschrieben von Stephen Stills, der sich zu einem Stills-Klassiker entwickelte und später unter anderem von Judy Collins gecovert wurde.

Der dritte, "Consider" genannte Teil dieses abwechslungsreichen Doppelalbums bietet vor allem Folk und Folkrock. In diesem Kapitel finden sich auch zwei der bekanntesten Lieder des Albums: das herrlich swingende "It Doesn't Matter", stilistisch und vor allem rhythmisch ein bisschen an Steely Dan's "Do It Again" angelehnt, das als weitere Single-Auskopplung einen respektablen Platz 61 der amerikanischen Hitparade erreichte, sowie "Johnny's Garden", eine Hommage von Stephen Stills an den schrulligen Gärtner seines englischen Landhauses, die Stills noch heute ab und zu bei Konzerten spielt (nachzuhören etwa auf seinem Album "Live At Shepherd's Bush" aus dem Jahre 2009). Das Kapitel enthält ausserdem den Song "The Love Gangster", den Stills gemeinsam mit Bill Wyman von den Rolling Stones geschrieben hatte. Wyman ist hier auch am Bass zu hören. "Rock & Roll is Here To Stay" heisst das vierte und letzte Kapitel des Albums. Es besteht aus Rock und Bluesrock-Stücken, von denen besonders das acht-minütige Werk "The Treasure" herausragt.

Das Album wurde schon kurz nach seinem Erscheinen ein grosser Erfolg: Es erreichte Platz 4 der Billboard Charts und trug zum weiteren Ruhm aller Mitmusiker bei, die schliesslich auf eine ausgedehnte Tournee gingen. Doch nicht nur Kritiker und Fans betrachteten "Manassas" als ein Highlight in der Karriere von Stephen Stills. Auch Stills selbst bezeichnet das Doppelalbum als eine seiner besten Arbeiten. Bill Wyman hat angeblich einmal gesagt, er hätte die Rolling Stones verlassen, um bei Manassas spielen zu können.

Manassas tourten 1972 rund um die Welt, es wurde zur grössten Tournee von Stills bis dahin, er füllte die grossen Arenen in Amerika und ihm wurde in Australien die grosse Ehre zuteil, als Headliner an einigen Festivals zu spielen. Manassas absolvierten insgesamt fünf Tourneen in sechs Monaten (!), vom 14. Juli bis zum 9. Oktober 1972. Während dieser Mammut-Konzertreise genossen Manassas die Vorzüge beispielsweise eines eigenen Charterflugzeugs, was alleine für sich schon enorme Summen verschlang. Für Stills geriet dieses Unternehmen zu einem grossen finanziellen Fiasko, da er unter anderem auch die Musiker der Band sehr grosszügig bezahlte. Leider sollte die Geschichte der Band Manassas nicht von Dauer sein. Als die Musiker Anfang 1973 für Arbeiten zu einem weiteren Album in die Criteria Studios in Miami zurückkehrten, hatte sich die Anfangseuphorie ziemlich gelegt, was angesichts der vorausgegangenen Mammut-Tournee nicht unbedingt überraschend war. Stills hatte in der Zwischenzeit die französische Popsängerin Veronique Sanson kennengelernt und geheiratet, während Chris Hillman sich mit dem Rest der Byrds für ein Reunion-Album wiedervereinigt hatte. Hillman erhielt auch ein finanziell hochinteressantes Angebot von David Geffen's Plattenlabel Asylum Records, um eine neue 'Supergroup' mit John David Souther und Richie Furay zu gründen (The Souther Hillman Furay Band). Apathie, Antipathie und Streitereien, gepaart mit einer dramatischen Zunahme des Drogenkonsums durch einige Mitglieder der Band, zogen sich die neuerlichen Aufnahmen gefährlich in Richtung Stillstand. "Das erste Album war magisch, ebenso wie das erste Jahr der Tour", sagte Chris Hillman später in einem Interview. "Das zweite Album fühlte sich an wie Zähneziehen".

Trotz einiger herausragender Songs war der spätere Nachfolger "Down The Road" nicht annähernd so stark – oder zusammenhängend – wie das erste Manassas Album. Selbst die Produzenten, welche mit den Aufnahmen und der späteren Veröffentlichung betraut worden waren, kamen zu dem Schluss, dass sich die Band in einer kreativen Sackgasse befand und insgesamt ziemlich ausgebrannt wirkte, worauf die Aufnahmen in den sehr teuren Criteria Studios abgebrochen wurden. Das Album wurde mit anderen Toningenieuren schliesslich in weit weniger teuren Studios in Colorado und Los Angeles fertiggestellt. Dazu kam noch, dass ihre Plattenfirma Atlantic Records einige der Songs als zu wenig überzeugend abgelehnt hatte, was erneute Aufnahmen erforderte, die wiederum substanziell eher einem "müssen" als einem "wollen" geschuldet waren. So geriet das zweite Album "Down The Road" zu einem Flickwerk, dem es letztlich hörbar an Substanz fehlte. Als schliesslich auch Stephen Stills erkannte, dass das Album nicht an den Erstling heranreichte, beerdigte er das Unternehmen Manassas. Er schloss sich Crosby, Nash & Young in Hawaii für ein ebenfalls glückloses Wiedersehen an, bevor er dann zu Mitte der 70er Jahre endlich als Solokünstler den längst verdienten Erfolg feiern konnte und seine Qualitäten als Songschreiber und Musiker auf etlichen hervorragenden weiteren Alben unter Beweis stellte. Stills haderte nie mit dem Schicksal seiner Manassas. Im Gegenteil. In einem Interview meinte er: "Ich habe zum grössten Teil nur schöne Erinnerungen an Manassas. Was wir gemacht haben, diese ganze Mischung aus Latin, Country, Rock und Rhythm'n'Blues, das war verdammt genial. Der grösste Teil von Nashville begann ungefähr 10 Jahre später genau wie meine Manassas zu klingen".

Hörbeispiele ? Nun ja, alle Songs sind grossartig, darum hier mal einfach nur meine persönlichen Lieblingstitel. :wave:







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Lavender
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Re: [REVIEW] Manassas • Manassas (1972)

Beitrag von Lavender »

Manassas Debütalbum ist ein Meisterwerk. Auch in meiner Sammlung befindet es sich. Zudem befindet sich noch "Down The Road" in meiner Sammlung. Und wie du bereits geschrieben hast, ist dieses Teil nicht so gelungen. Dennoch geht mir das Album auch gut ins Ohr.
„Musik ist eine Welt für sich, mit einer Sprache, die wir alle verstehen." Stevie Wonder
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