[REVIEW] Andy Fairweather-Low • La Booga Rooga (1975)

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Beatnik
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[REVIEW] Andy Fairweather-Low • La Booga Rooga (1975)

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Im musikalischen Leben des Andy Fairweather-Low war irgendwie immer eine Wand, gegen die der hervorragende Sänger, Gitarrist und Komponist lief. Egal, was er machte, und egal, wie gut es herauskam: Ein grösserer Erfolg wollte sich einfach nie einstellen. Folgerichtig wurde er irgendwann zu einem sogenannten 'Sideman', also zum Begleiter eines wirklich grossen Musikers: Eric Clapton. Als Gitarrist in dessen Band durchlebte er seine erfolgreichsten Musikerjahre. Vor einigen Jahren dann öffnete er ein weiteres eigenes Kapitel in seiner Musiker-Biographie, war wieder selbständig unterwegs und wieder setzte das ein, was zuvor bei ihm üblich war: Hervorragende Musik, die keiner kauft. Schade.

Dabei hatte doch alles so gut angefangen damals in den 60er Jahren, als Andy Fairweather-Low in der Rolle des hochgefeierten Teenie Idols mit seiner Band Amen Corner quasi Hit an Hit reihen konnte, die noch heute fast Jeder kennt: Der "Gin House Blues", "Half As Nice" oder "Hello Susie" zum Beispiel. Einige Jahre galten Amen Corner neben den Hollies und den Fab Four als eine der führenden Poprock-Bands in England. Als gegen Ende der Dekade jedoch progressivere Klänge angesagt waren, teilte sich die Band Amen Corner 1969 in zwei Hälften: Die eine Hälfte, vor allem die Bläser-Sektion gründete die Gruppe Judas Jump, spielte ein hochgelobtes Album ein und verschwand in der Versenkung. Die andere Hälfte blieb der Melodieseligkeit treu und nannte sich schlicht Fairweather. Beim progressiven RCA-Unterlabel Neon Records waren sie der erste Act, der ein Album veröffentlichen konnte ("Beginning From An End", Neon Records NE1) und damit schon alleine dadurch zum Scheitern verurteilt, weil Fairweather alles andere als progressiv waren. Das war ein klarer, wenn auch ungewollter Schuss hintenraus, obwohl sich mit der als Single ausgekoppelten Nummer "Natural Sinner" sogar erneut ein Top 10 Hit ergab. Leider war Andy Fairweather-Low mit seiner neu formierten Band aber offensichtlich zu vielseitig ausgerichtet, als dass sich da noch ein Nachfolger für diese Single finden liess, die in eine ähnlich melodieverliebte Richtung gehen würde, weshalb die Plattenfirma die Band nach einigen weiteren Aufnahmen, die letztlich unveröffentlicht blieben (Jahrzehnte später allerdings auch einmal offiziell nachgereicht wurden), in die Wüste schickte. Ein auf Hansa Records im Jahre 1972 in Deutschland veröffentlichtes zweites Album mit dem Titel "Let Your Mind Roll On" blieb völlig unbekannt. Es wurde ausser in Deutschland nur noch in Italien aufgelegt.

In der Folge komponierte Andy Fairweather-Low eifrig neue Songs, war in die ersten Aufnahmen der Band Foghat involviert und half deren damaligem Produzenten Dave Edmunds dabei, Songs zu veredeln und mitzugestalten. Da sich sowohl im Falle von Foghat, als auch bei Dave Edmunds schon bald zählbare Erfolge ergaben, wurde man wieder auf Andy Fairweather-Low aufmerksam und die Plattenfirma A&M Records nahm den Künstler unter Vertrag. Der Musiker ging nach Nashville, nahm dort mit dem Titel "Spider Jiving" ein Country Rock Album auf, das in seiner Vielseitigkeit exakt dem entsprach, was Andy Fairweather-Low schon seit Jahren praktizierte - und wurde von den Kritikern verrissen als ein zusammenhangsloses Werk ohne jeglichen roten Faden. Das ist natürlich besonders deswegen enttäuschend, weil das Album extrem gut ist, aufgrund der negativen Kritiken aber natürlich kaum verkauft werden konnte. Der unermüdliche Songschreiber liess sich durch diesen erneuten Misserfolg indes nicht entmutigen und begann kurze Zeit darauf mit den Arbeiten am nächsten Album "La Booga Rooga". Diesmal setzte er auf den Top-Produzenten Glyn Johns (The Who, Rolling Stones, Eagles) und scharte eine handverlesene Mannschaft aus absoluten Top-Musikern um sich, um mit ihnen 10 hervorragende Titel einzuspielen, die zwar noch immer relativ vielseitig waren, aber als Ganzes auf jeden Fall besser funktionierten, zusammenhängender wirkten als noch auf dem Vorgänger "Spider Jiving".

Der Song "My Bucket's Got A Hold In It", ein Remake eines Titels aus den 30er Jahren, der von Cole Porter zum Hit und später zum Evergreen wurde, eröffnete in allerfeinster Country-Manier dieses Album und schon dieser Titel geriet zu absoluter Perfektion dank der kompetenten Musiker wie dem Pedal Steel Gitarristen B.J. Cole, den Gastsängern Joe Egan und Gerry Rafferty (Stealer's Wheel) und des herrlichen old fashionned Klaviers von John 'Rabbit' Bundrick. Eine von Saxophonist Jimmy Jewell angeführte Bläser-Gruppe dominierte das nachfolgende "Jump Up And Turn Around" und für das herzzerreissende Liebeslied "Halfway To Everything" im Walzer-Rhythmus sorgten die ehemaligen McGuinness Flint-Musiker Benny Gallagher und Graham Lyle mit Akkordeon und Mandoline und dem Klavier von Georgie Fame für romantische Schunkelstimmung.

Im Titelstück "La Booga Rooga" wurde Reggae-Rhythmus eingebaut, den der Musiker Rabbit mit seiner Hammond Orgel zu einem der musikalischen Highlights des Albums machte und die beiden wiederum dem Country Rock zugewandten Stücke "If That's What It Takes" und "8 Ton Crazy" erhielten ihren Glanz durch die fröhlich klingenden Instrumental-Arrangements von Gallagher & Lyle. Mit "Wide-Eyed And Legless" folgte dann auch noch ein Song, bei welchem Bernie Leadon mitspielte. Der Song erschien auch als Single und spielte sich ebenso wie der noch vom Vorgänger-Album "Spider Jiving" ausgekoppelte Track "Reggae Tune" in die Top 10. Zwar verkaufte sich die LP "La Booga Rooga" nicht so gut wie erhofft, aber die beiden Singles ermöglichten Andy Fairweather-Low immerhin eine kontinuierliche Weiterarbeit und die entsprechende Finanzierung seitens der Plattenfirma, die nachwievor auf den grossen Hit wartete und diesbezüglich durchaus optimistisch war.

Der Nachfolger "Be Bop N'Holla" erwies sich allerdings ein Jahr später erneut als Flop, obwohl auch dieses Album wieder dieselbe äusserst angenehme und vielfältige Mixtur aus Pop, Country Rock, afro-kubanischen Rhythmen und Reggae-Flair bot. Wiederum schrieben die Kritiker eher durchwachsene Kritiken, was zur Folge hatte, dass die Verkaufszahlen unter den Erwartungen blieben. Danach verlor Andy Fairweather-Low seinen Plattenvertrag, spielte die nächsten paar Jahre hauptsächlich als Studio- und Gastmusiker für und bei Gerry Rafferty, Julie Covington, die Albion Band, The Who und Roy Wood, bevor er nach einem weiteren LP-Debakel mit dem Titel "Mega Shebang", das die Reihe hochkarätiger, aber schlecht verkäuflicher Alben fortsetzte, seinen festen Platz in Eric Clapton's Band als dessen Rhythmus-Gitarrist fand.

Seit vielen Jahren ist Andy Fairweather-Low inzwischen also wieder als Soloartist unterwegs und spielt ab und an auch auf Fremdalben mit, ist also letztlich quasi wieder oder nachwievor der 'Sideman', der er im Grunde immer schon war und der sich mit seinen Arbeiten für Andere wohl einen nicht unerheblichen Teil seines eigenen Schaffens finanziert. Ein toller Musiker, den zu entdecken unbedingt lohnt.





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BRAIN
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Re: [REVIEW] Andy Fairweather-Low • La Booga Rooga (1975)

Beitrag von BRAIN »

Ein sehr schönes und detailreiches Review, Beatnik.
Auch wenn ich das Album selbst nicht kenne, finde ich deine Einordnung spannend, weil sie gut zeigt, wie vielschichtig Fairweather-Lows Karriere verlaufen ist.
Was ich aus deinem Text gut herauslese, ist das das Album zu eigenständig ist, um sich klar in eine Schublade einordnen zu lassen, aber gerade dadurch für viele Hörer besonders reizvoll.
Das erklärt vielleicht auch, warum solche Alben oft erst im Rückblick ihren Wert entfalten – sie passen nicht in die damaligen Trends, aber sie bleiben hängen.
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