[REVIEW] Hampton Grease Band • Music To Eat (1971)
Verfasst: Di 4. Jul 2023, 15:07

Wie nennt man das, was die Hampton Grease Band spielt ? Das ist ein musikalisch total verrückter eigener Kosmos, stilistisch ein hochexplosives Gebräu aus der Exaltiertheit eines Captain Beefheart, dem genialen Wahnsinn eines Frank Zappa, dem nebelverhangenen Jammen von Grateful Dead und dem schrägen Humor der Bonzo Dog Doo Dah Band. Dazu noch ein kleines Quentchen Urschrei-Therapie des Sängers Bruce Hampton und vermutlich zentnerweise bewusstseinsverändernde Substanzen. Das Ganze gut durchgeschüttelt und serviert ausschliesslich als nicht enden wollende Longtracks, die ziemlich versponnen, meist improvisiert, gnadenlos experimentell, extrem wild und radikal und zügellos und...tritt mal Jemand auf die Bremse, bitte ?
Die Geschichte besagt, dass dies die am zweitschlechtesten verkaufte Platte von Columbia Records aller Zeiten ist. Noch weniger LPs wurden lediglich von einer Yoga Instruktions-LP von Maharishi Mahesh Yogi abgesetzt. Ich liebe diese Scheibe. Das ist grossartiger Dadaismus in Musik. Losgelöst von allem, was nach Konventionen und engen Schemata stinkt. Extrem strapaziöser Gesang, absolut brilliante freie Improvisationen - hochkonzentrierte akustische Psychopharmaka für alle erdenklichen Stimmungen - Viagra für den Geist, für den Ohrgasmus in den Gehirnwindungen. Wer macht Solcherlei und warum ? Nun, der schräge Trip dieser alles ausser gewöhnlichen Band beginnt im Jahre 1965, als der Gitarrist Harold Keeling schon in der High School mit einigen Kumpels unter dem ziemlich ungewöhnlichen Bandnamen THE IV OF IX instrumentale Coversongs der Ventures zum besten gibt. Der Bassist der Band empfiehlt Harold Keeling, man sollte eigentlich einen Sänger in der Band haben, er würde da Jemanden kennen, der gut in die Band passen würde. So kommt Bruce Hampton zur Truppe. Er hat keine Ahnung von Singen und wird nach einem einzigen Tag im Probenraum mit auf die Bühne gestellt. Da er des Singens nicht mächtig ist, wird seine Rolle sowohl von den Bandmitgliedern als auch vom Publikum als "humoristische Einlage" verstanden. Ein Jahr später möchte Glenn Philips, der zweite Gitarrist, der "beste Gitarrist der Welt" werden und Bruce Hampton sagt im Gegenzug, er möchte der "beste Sänger der Welt" werden. Great Expectations. Glenn Philips' älterer Bruder Charlie spielt den Bass und der gemeinsame Schulfreund Mike Rogers übernimmt das Schlagzeug. Beide haben noch nie zuvor ein Instrument gespielt.
Den Ball ins Rollen bringen Glenn, Charlie und Bruce, als sie in New York dem Musiker Frank Zappa auf der Strasse begegnen. Glenn geht zu Zappa hin und sagt nur "Grease", ein Wort, ohne in irgendeinem Kontext zu stehen, ohne irgend einen tieferen Sinn, einfach "Grease". Als sich Frank Zappa nach einer absolut schrägen Konversation davon überzeugt hat, es hier mit drei ziemlich ausgeflippten Figuren zu tun, lädt er sie ein ins Tonstudio, wo er gerade an seinem Album "Lumpy Gravy" arbeitet. Zappa verwendet Teile dieser Konversation für das Album. Die drei Hobbymusiker wiederum verwenden fortan den Begriff "Grease" in ihrem Bandnamen. Der entsteht schliesslich, weil es üblich ist, den Namen des Frontmusikers, des Sängers, in den Bandnamen zu integrieren, obwohl Bruce Hampton nicht der Leader der Band ist. Also heisst die Band fortan Hampton Grease Band. Die Gruppe beginnt vorsichtig, als Bluesband zu spielen, respektive sie versucht, wie eine Bluesband zu klingen. Ein relativ hoffnungsloses Unterfangen, da in ihrer Heimatstadt Atlanta, Georgia, so ziemlich keine Bands zu der Zeit Blues spielen. Somit existieren auch keine Clubs, in welchen die Band auftreten könnte. Niemand will die Band hören, zumal sie auch weder über ein Demotape, geschweige denn über eine Platte als musikalische Visitenkarte verfügt. Ein einziger Auftritt ist überliefert: In der Stables Bar & Lounge tritt die Band auf, holpert sich durch ein laienhaftes Set, bis der Besitzer des Lokals mit einer Schrotflinte auf die Bühne steigt und sie dem Sänger Bruce Hampton vor's Gesicht hält: "Play some James Brown or I'm gonna blow your fuckin' head off!" Bruce wendet sich an seine Mitmusiker und sagt "Popcorn Parts 1 & 2!" und rettet seinen Kopf. Der Lokalbetreiber Abner Joy zahlt jedem Musiker der Band 50 Cents als Gage und rät ihnen "sell those goddamn guitars and amplifiers and buy you some pussy!".
1968, als der Summer Of Love losging, wuchs auch in Atlanta die Population der blumenbehangenen Hippies. Die Band hatte den Blues inzwischen aufgegeben und spielte relativ "freie" Musik. Keine zusammenhängenden Songstrukturen, sondern loses Jammen, manchmal stundenlang nur einen einzigen Jam. Alle Bandmitglieder nahmen übrigens keine Drogen, das ist relativ wichtig zu wissen, denn die Musik, die sie später auf ihrem Album präsentierten, liess eher auf das pure Gegenteil schliessen. Da sie ausserdem alle aus relativ schwierigen Elternhäusern kamen, entwickelten sie untereinander eine Art "Us against the World" Zusammenhalt, was sich für die musikalische Einheit als durchaus vorteilhaft erwies. Nun spielte die Band vermehrt in wie Pilze aus dem Boden schiessenden Underground Clubs vor einem Love And Peace Publikum, das sich, verzückt durch die Einnahme verschiedenster Substanzen, des psychedelischen Sounds der Hampton Bruce Band erwartungsgemäss sehr erfreute. Die Stage Show der Band wurde immer populärer, denn neben friedlichem Jammen machte die Band auch immer wieder durch unkontrollierte Ausbrüche von sich reden, etwa, wenn Sänger Bruce Hampton plötzlich damit begann, Mobiliar wie Tische und/oder Stühle von der Bühne hinunter ins Publikum zu schmeissen, begleitet von unkontrollierten Urschrei-Attacken, derweil die Band in kakophonischer Weise den entsprechenden Soundtrack lieferte. Das war zappaesk einerseits, andererseits schlicht krank, verfehlte aber nicht seine Wirkung, beispielsweise in den Medien, wo die Hampton Grease Band weniger durch ihre Musik (die gemäss Fachgazetten ohnehin keine war), sondern eher durch ihre Bühnenexzesse auf sich aufmerksam machte. Gegen manche dieser "Einlagen" waren beispielsweise Jim Morrison's psychedelischen Bühnen-Ausraster gelinde gesagt Kinderkram.
Unaufhaltsam wuchs die Popularität der Gruppe, die sich in der Folge vor allem auf unangekündigte Konzerte in Parks und auf dem Land konzentrierte, da die meisten Clubbesitzer mittlerweile keinen Bock mehr hatten auf solche Chaoten in ihrem Schuppen. Der Piedmont Park in Downtown Atlanta wurde dabei zum Mittelpunkt des akustischen Geschehens. Es war der Ort, wo sich die Hippies trafen, und wo auch immer wieder zahlreiche lokale und überregionale Bands und Musiker auftraten, meist nur durch Mund zu Mund Propaganda oder allenfalls durch verteilte Handzettel angekündigt. Auch das zu dem Zeitpunkt populäre Strassenblatt "The Great Speckled Bird" nahm sich der Band an und promotete sie, anfänglich nur in und um Atlanta, später auch überregional. Ab August 1968 spielte die Gruppe sogar als Support Act für nationale Grössen wie die Allman Brothers, Spirit und Grateful Dead, wenn diese in Atlanta ein Gastspiel unter freiem Himmel gaben. Sie alle traten dann üblicherweise im Piedmont Park auf.
So nach und nach kristallisierte sich indes heraus, dass es mit den beiden Amateurmusikern an Bass und Schlagzeug auf Dauer nicht möglich sein würde, dem immer anspruchsvoller werdenden Publikum an immer grösseren Auftritten qualitativ gerecht zu werden, und so trennte man sich von Charlie Philips und Mike Rogers und nahm an deren Stelle die ausgebildeten und versierten Mike Holbrook (Bass) und Jerry Fields (Schlagzeug) in die Band. In dieser neuen Besetzung begann die Band kontinuierlich, ihre bis anhin eher losen und zufälligen Jams zu strukturieren und ihnen eine Form zu geben. Dabei stand das Schreiben von Songtexten als grösstes Problem im Raum, denn Sänger Bruce Hampton konnte das nicht und die anderen Bandmitglieder wollten nicht. So kam es, dass die Band zumeist aus Zeitschriften oder Zeitungen einzelne Sätze oder Phrasen (meist politischen Hintergrunds) als Ausgangsbasis für eigene Textaussagen wählte. Manchmal kopierte sie diese auch einfach ganz frech 1:1 und Bruce Hampton sang quasi die Nachrichten der Woche, wie sie in den Medien gedruckt worden waren. Oder man behändigte sich eines politischen Pamphlets, das in der Hippiezeit zuhauf als lose Blätter oder vielleicht in Form eines Underground Fanzines herumgereicht wurde und sponn die entsprechenden Gedanken oder Berichte einfach weiter. Improvisierte Lyrics quasi - dem musikalischen Programm der Band angepasst.
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