[REVIEW] Marillion - Script For A Jester's Tear
Verfasst: Sa 24. Jan 2026, 22:57

Marillion - Script For A Jester's Tear (UK, 1983)
Romantik und Weltenflucht, beides wichtige Bestandteile des klassischen 70er Progs, schienen Ende der 70er, Anfang der 80er mehr oder weniger tot. Die meisten der alten Dinosaurier des Genres waren zu peinlichen (Pop)Bands mutiert, die bunte Klamotten und gequälte Gesichtsausdrücke statt anspruchsvolle Musik zur Schau stellten. Natürlich existierten immer noch einige wenige Unverbesserliche, aber sie alle musizierten im tiefsten Underground. Das waren Truppen, die praktisch auf der ganzen Welt verteilt waren und jeweils isoliert weiterhin ihre veträumte Musik vor sich hin zelebrierten und ganz dolle an die Kraft ihrer Schöpfung und ihre Wurzeln glaubten. Bis eines Tages der sog. Neoprog mit neuen, jungen Bands wie u.a. Marillion, IQ, Pallas und Twelfth Night die Bühne betrat und dem Genre den Defibrillator an das schwache Herz presste.

"So here I am once more in the playground of the broken hearts". Damit konnte ich Ende der 80er, als ich "Script For A Jester's Tear" zum ersten Mal hörte, nicht viel anfangen. Genau genommen konnte ich gar nichts damit anfangen, und zwar sowohl musikalisch, als auch in Bezug auf die Texte. Ich war um die 12 oder 13 Jahre alt, hatte das ein oder andere Marillion Artwork in verschiedenen Metalmagazinen gesehen und lieh mir die Platte in der örtlichen Bücherei aus, da ich die Bilder cool fand und ständig auf der Suche nach neuem wilden Kram war. Fish mit Make Up, ernste Blicke, verschrobene Songtitel, das wirkte geheimnisvoll, das musste einfach toll sein. Daheim dann die große Enttäuschung, denn das war ganz und gar nicht der heavy Stoff, den ich mir erhofft hatte. Ich war von Bon Jovi über Iron Maiden gerade bei Metallica und dem Thrash angelangt, und solch ruhiges, ja furchtbar verkopftes Zeug zeigte absolut keine Wirkung auf mich. Vielleicht fehlten mir damals auch ein sehr gutes Englisch und das entsprechende Alter samt Lebenserfahrung, um mich angesprochen zu fühlen und die Texte nachvollziehen zu können. Naja, jedenfalls entschied ich damals nach dem zweiten Spin, dass ich die Platte nicht auf Kassette zu kopieren brauchte, gab die LP am nächsten Tag wieder zurück und konzentrierte mich in den kommenden Monaten auf Exodus, Testament und Kreator.
Anfang der 90er tauchte ich zunächst zaghaft, dann immer mehr in den Prog ab und erinnerte mich wieder an Marillions Debüt. Diesmal überspielte mir mein Cousin die Scheibe auf Kassette, die ich mir voll motiviert sofort tagelang anhörte, und Sachen wie das oben schon erwähnte "So here I am once more in the playground of the broken hearts" machten auf einmal Klick. Mein Englisch war mittlerweile mehr als solide, die Frauenwelt hatte mein kleines Herz ein, zwei Mal gebrochen, Krieg und Verbrechen nahm ich mittlerweile regelmässig in den Medien wahr. Ich war somit "bereit" für den Stoff, und Musik und Texte sprachen nun zu und mit mir. Auch konnte ich den massiven Einfluss von early Genesis, die ich kurz zuvor für mich entdeckt hatte, ausmachen, was den Einstieg noch mehr erleichterte. Zu jener Zeit, und eigentlich immer noch, waren Platten, Bands und Lieder wie unsichtbare Bodyguards für mich, die mich beschützten und mir mit gutem Rat beiseite standen. Der Metal gab mir Kraft und Schutz, der Prog fütterte mich mit Wissen und dem Umgang mit Emotionen. "Script For A Jester's Tear" nahm mich bei der Hand und zeigte mir die dunkle Seite der Musik. Sowas bindet ein Leben lang. Marillion nahmen weiterhin hervorragende (und musikalisch vielleicht auch "bessere") Platten auf, aber das hier ist "meine".
Zwar packen mich nicht mehr alle Lieder der Scheibe zu 100%, aber das Trio 'Chelsea Monday' ("One day they really love you".....mein Gott, wie depressiv die Strophen klingen), 'Forgotten Sons' (die Fanfaren-Keyboards zu Beginn, die Stelle mit dem "Amen", das Solo am Ende - was für ein Songfinale!!) und der Titeltrack werden auf immer und ewig einen hochheiligen Platz in meiner persönlichen Hall Of Fame haben. Meine Güte, gerade läuft 'Chelsea Monday, und wie eigentlich jedes Mal reißt mich das Lied mit seiner traurigen Atmosphäre zu Boden, nur um mich mit dem berührenden Solo wieder ganz hoch zu werfen und aufzufangen. Mal im Ernst: sind wir nicht alle hier Jonglierkeulen von Fishs Lyrics und dieser traumhaft schönen musikalischen Untermalung?!